Predigt zum Reformationstag am 31.10.2008

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott,
unserem Vater, und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.

Liebe GD-Gemeinde,

ich habe meine Schüler in Religion,
4. Klasse der Grund- und Hauptschule in Flomborn,

neulich mal gefragt:
„Was feiern evangelische Christen am 31. Oktober?“

Die Antwort hat mich nicht überrascht,
eher ernüchtert.

Wer glaubt:

ich hörte „Reformation – Thesenanschlag –
Martin Luther“ –

der irrt.

„Wir feiern Halloween!“ – war die Antwort.

„Reformationstag – Thesenanschlag – Martin Luther“,
das war nicht die Antwort der Kinder. ----

Ich nehme an:
Auch viele Ältere würden nicht anders antworten.

Reformationstag – Thesenanschlag – Luther –
die gehören nicht zum Bewusstsein vieler Menschen.

Die Antwort der Kinder macht deutlich,
was bei Erwachsenen längst gilt:

Fehlende Kenntnis,
mangelnde Identität evangelischer Christen,

unzureichende Informationen in Schule, Medien, Öffentlichkeit.

Was meine Schüler geantwortet haben,
ist – würde ich sagen –
ein Spiegel unserer Gesellschaft.

Ich muss allerdings auch sagen:

Martin Luther ist Lehrstoff der 4. Klasse,
den haben wir noch nicht behandelt,

sie konnten es also - durch mich - noch nicht wissen.

Sie haben es allerdings auch
durch niemand anderen gewusst.
 
Ich hoffe aber,
dass meine Schüler,

nachdem wir dieses Thema
in Religion behandelt haben werden,

dass sie dann,
wenn sie in einem Jahr gefragt werden:
„Was feiern evangelische Christen am 31. Oktober?“
dass sie dann sagen:

„Am 31. Oktober feiern wir Reformation.

Da hat der große deutsche Reformator
Dr. Martin Luther -- 95 Thesen

an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen.

Mit den Thesen wollte er zeigen,
dass etwas in der Kirche nicht stimmt,

er wollte durch die Thesen
ins Gespräch kommen mit Gelehrten,

wollte Papst, Bischöfe, Priester
zum Umdenken anregen,

er wollte die Richtung der Kirche ändern:
weg von Ablass, Volksverdummung, Angstmacherei,
weg von der menschlichen Erfindung des Fegefeuers,

hin zu einem seelsorgerlich verantwortbaren Handeln,

er wollte am Wort Gottes orientiert leben,
als Seelsorger,

er wollte die reine Lehre,
Gottes frohe Botschaft verbreiten

in Wort und Schrift,

er wollte Abendmahl für alle:
Brot und Wein.

Luther wusste,
dass alle Gläubigen vor Gott gleich viel gelten,

„Priestertum aller Gläubigen“ –
so heißt es im Petrusbrief,
den wir vorhin - in der Lesung - gehört haben.

Luther hat gesagt:

Pfarrer, Priester
sind zum Dienst in der Gemeinde ausgebildet.

Aber: Sie sind deshalb nicht näher an Gott.

Sie können weder Sünden erlassen -- noch vergeben,

Sünden erlassen, vergeben –
das liegt allein bei Gott.

Das ist nicht Sache von Menschen,
nicht Aufgabe der Kirche.

In der katholischen Kirche
war - und ist - das anders:

Da sind die Priester, ist die Kirche –
wie ein Mittler zwischen Gott und Mensch.

Da gibt es noch den Ablass,
übrigens bis heute:

In Deutschland wird weniger offen darüber redet,

in Rom aber
gibt es genaue Ablassvorschriften -- für Pilger.

So habe ich das,
als ich dieses Jahr in Rom war,

selbst erlebt:

Da gibt es verschiedene Bußleistungen,
die Gläubige vollbringen müssen,

damit ihnen ein Ablass,
einige Zeit im Fegefeuer erlassen werden.

An der Kirche Skala Santa zum Beispiel:

Da befindet sich eine Treppe,
und früher hat man den Menschen erzählt,

dass das die Originaltreppe
aus dem Palast des Pontius Pilatus ist,

auf der hätte Jesus -- bei seiner Verurteilung –
persönlich gestanden.

Heute weist eine Infotafel in der Kirche
den Leser daraufhin,

dass die Treppe nicht historisch-original ist,

dass sie aber -- der Volksfrömmigkeit wegen  --
nach wie vor als Ablassmittel -- genutzt wird,

indem Gläubige nämlich
die Stufen auf den Knien -- hoch rutschen,
und dabei sprechen sie auf jeder Stufe ein Gebet,
und wenn sie die oberste Stufe erreicht haben,

dann wird ihnen - von der kath. Kirche
ein Ablass gewährt,

so und so viel Jahre weniger Fegefeuer.

Die Reduzierung einer nachweislich von Menschen erfundenen Gottestrafe,

denn auch das Fegefeuer -- ist nicht biblisch belegt,

das hat ein Papst namens Gregor
im Mittelalter erfunden,

um Menschen gefügig zu machen.

Und es funktioniert:

Die Kirche Skala Santa hat etwa 35 Stufen,
und ich war überrascht zu sehen,
in welcher Masse - Pilger aus aller Welt

diese Treppe - betend - auf ihren Knien
Stufe um Stufe hochrutschen,

da war richtig Betrieb,

so einen Besucherandrang
würde sich manch evangelischer Pfarrer

in seinem Sonntagsgottesdienst gerne wünschen.

Martin Luther hat jedoch dem Ablass
in seinen Gemeinden ein Ende gemacht.

Das ist ein Teil unseres evangelischen Erbes.
Als evangelische Christen glauben wir nämlich:

Jeder hat eine direkte,
eine unmittelbare Beziehung zu Gott.
Da braucht es keinen Mittler
zwischen Gott und Mensch,

keine Heiligen, keinen Papst,
keine Kirche im Sinne einer Heilsanstalt,

vielmehr ist – nach evangelischem Verständnis –
jeder für seine Taten,

und auch für das, was einer unterlassen, versäumt hat, für sein Nicht-tun also

vor Gott selbst verantwortlich.

Kirche – im evangelischen Sinn –
ist keine Heilsvermittlerin,

die Gottes Gnade beherrscht oder verwaltet,

Kirche im evangelischen Sinne
ist eine Gemeinschaft von Menschen,
eine Gemeinschaft von Christen,

die durch Taufe und Glauben
miteinander verbunden sind,

wie es im Brief an die Epheser, Kap. 4 heißt:

„Es gibt einen Herrn, einen Glauben, eine Taufe,
einen Gott.“

Das verbindet Menschen,
die an sich sehr verschieden sind,

Gott, christlicher Glaube, Jesus Christus, Taufe –
die verbinden Menschen zu einer Gemeinde.

Und diese Gemeinde wird - für mich -  
immer ganz besonders im Abendmahl deutlich:

Da kommen Menschen zusammen, unabhängig davon, ob sie sich mögen oder nicht.
Freunde und Feinde,
Einheimische und Fremde

verschmelzen im Abendmahl zu einer Gemeinschaft.

Gott macht Menschen gleich,
über alle Hautfarben, Rassen, Nationen, Kontinente,

ja sogar über Generationen und Jahrhunderte hinweg.

Hier werden Nächstenliebe geübt
und Gottes frohe Botschaft verkündigt.

„Es gibt einen Herrn, einen Glauben, eine Taufe,
einen Gott.“

Liebe GD-Gemeinde,

ich hoffe,
meine Schüler der 4. Klasse
der evangelischen Religion - in Flomborn
werden,
wenn sie in einem Jahr - wieder - gefragt werden:

„Was feiern evangelische Christen am 31. Oktober?“
wenigstens etwas zum Thema Reformation sagen.

Und wenn es nur ein Satz ist.

Es ein Quäntchen mehr an evangelischer Identität
als wir gegenwärtig in unserer Gesellschaft haben.

Reformation statt Halloween.

Lassen Sie uns das Ereignis der Reformation --
nicht nur am 31. Oktober,

sondern alle Zeit
bewusst wahrnehmen und erinnern,

damit Menschen frei und unmittelbar
ihre Beziehung zu Gott leben. ---- Und der Friede