Vorwort


Die Tür ist verschlossen. Ich klopfe. Ich warte eine Weile und mache dann die Tür auf. Abweisend schallt es mir entgegen: „Hab ich herein gesagt?“ Erschrocken weiche ich zurück. Oh, schlechte Stimmung. Ich geh wohl besser.

So eine Situation haben viele schon erlebt: Türen, die verschlossen sind, durch die wir nicht hindurch kommen. Das gab es auch im vergangenen Jahr, sogar an unserer Kirchentür: Gottesdienste mit Voranmeldung oder 3G-Nachweis. Wer sich nicht ausweisen konnte, wer nicht angemeldet war, kam nicht hinein, dem blieb die Tür verschlossen, der durfte nicht mitfeiern.

Eine verkehrte Welt, wie mir scheint. Denn wir sollen Menschen ja zu Gott einladen. Und nun mussten wir manche abweisen. Das fällt schwer. Und es tut weh.

Ähnlich erging es denen, die einen Menschen besuchen wollten, ob im Krankenhaus oder Altenheim: Auch dort mussten viele draußen bleiben, oder sie kamen nur mit entsprechendem G-Nachweis hinein.

Auch den Geburtstag haben viele sich anders vorgestellt: Max wollte ihn groß feiern, alle Kumpels dazu einladen. Man wird schließlich nur einmal 18. Aber dann galten noch immer Personenbeschränkungen wegen Corona. Max musste all seine Freunde ausladen. Das hat ihn bitter enttäuscht. Und auch seine Freunde waren enttäuscht darüber. Türen, die verschlossen bleiben.

Auch die Mutter mit ihrem Kind im Arm, die zusammen mit all den anderen Hoffnungsvollen in einem überfüllten Boot auf dem Mittelmeer ist, hat diese Erfahrung gemacht, dass Türen verschlossen sind, und noch Schlimmeres:

Nach einer quälend langen Zeit auf dem Meer, in der sie dem Schaukeln der Wellen, der Willkür der Elemente schutzlos ausgeliefert sind, sehen sie die Küste Griechenlands vor sich. Ein Militärschiff kommt auf sie zu. Endlich Rettung, denken sie.

Aber keine helfenden Hände strecken sich ihnen entgegen. Niemand holt sie an Bord. Keine Leiter wird hinuntergelassen, nur ein Schlepptau wird festgemacht. Das Militärschiff schleppt das kleine Boot mit den Menschen aufs offene Meer. Als sie in türkischen Gewässern sind, wird das Tau gekappt. Das Militär fährt mit Highspeed davon. Die Menschen im Boot bleiben allein auf dem Wasser zurück.

Pushback – das illegale Zurückdrängen von Flüchtlingen an den Außengrenzen der EU, das Verweigern von Hilfe für die, die in Not sind, es wurde zum Unwort des Jahres 2021 erklärt. Pushbacks passieren dennoch und werden weiter praktiziert, zuletzt vor allem von Griechenland und Kroatien. Und die EU, die eigentlich, laut eigenem Recht, Flüchtlingen Schutz bieten müsste, tut nichts, um Pushbacks zu verhindern. Im Gegenteil. Sie macht sich mitschuldig, weil sie wissentlich wegsieht. Türen, die verschlossen sind.

Auch Jesus musste erfahren, wie es ist, von anderen abgewiesen zu werden. In der Bibel wird erzählt, wie Jesus noch als ungeborenes Kind im Bauch seiner Mutter von Hauswirten in Bethlehem abgewiesen wird, weil kein Platz mehr ist.

Später, als er erwachsen geworden durchs Land zieht, muss er erfahren, dass manche Leute nur zu ihm kommen, um von ihm ein Wunder zu sehen, weil sie neugierig oder sensationslüstern sind. Was er ihnen sagt, was er von Gott erzählt, das interessiert sie nicht. Andere kommen, weil sie etwas finden wollen, das sie ihm vorwerfen können, ihn anzuklagen, damit sie ihn endlich los sind, um ihn zum Schweigen zu bringen. Wieder andere wollen einfach körperlich gesundwerden. Innerlich heil werden, wollen sie nicht.

Später, als er gefangen genommen, gefoltert und verurteilt ist, da wenden sich sogar seine besten Freunde, allen voran Petrus von ihm ab. Seine Feinde lachen und spotten über ihn. Sie verhöhnen ihn noch, als er am Kreuz leidet und stirbt.

Die schlimmsten Formen menschlicher Zurückweisung hat er kennen gelernt. So ist er in besonderer Weise denen nahe, die vertrieben und abgewiesen werden, denen die Tür verschlossen ist. Gerade ihnen, aber auch uns begegnet er mit einem Wort, das uns als Jahreslosung 2022 zugesagt wird. Dieses Wort steht im Evangelium des Johannes. Darin spricht Jesus: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

Viele Menschen sind damals zu Jesus gekommen. In der Bibel wird erzählt: Es waren einmal 5000 Männer. Die Frauen und Kinder nicht mitgerechnet. Sie alle kamen, um Jesus zu hören. Am Abend, als die Menschen noch immer bei ihm sind und hungrig werden, gibt Jesus ihnen zu essen.

Es ist nicht viel, was an Essbarem da ist: nur fünf Brote und zwei Fische. Jesus segnet sie. Dann lässt er seine Jünger von dem, was da ist, austeilen und alle werden satt. Am Ende bleibt noch Essen übrig. Dann sagt Jesus: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern!“ Es ist die einzige Voraussetzung, die bei Jesus zu erfüllen ist: dass Menschen zu ihm wollen, dass sie seiner Einladung folgen. Und dann fällt dieser Satz, der uns durchs Jahr 2022 als Losung leitet: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

Ist das nicht eine großartige Einladung? Sie ist das Markenzeichen Jesu. Das macht ihn aus, dass jeder und jede zu ihm darf ohne Vorbehalt. Niemand wird ausgestoßen, niemand ausgegrenzt oder außen vorgelassen:

auch nicht der Zöllner, der bei den meisten unten durch ist, weil er als korrupt gilt; nicht die so genannte Sünderin, über die alle die Nase rümpfen; nicht die Ehebrecherin, die die Moralprediger am liebsten gesteinigt hätten; nicht die Frau aus Syro-Phönizien, die als Heidin für ihr krankes Kind bittet und die sich selbst so erniedrigt, dass sie sich zu den Hunden zählt, die von dem satt werden, was andere achtlos unter den Tisch werfen; auch nicht der römische Hauptmann, der als Feind Israels gilt. Jesus heilt sie alle ohne Ausnahme.

Bedingungslose Liebe ist das. Jesus nimmt Menschen an, wie sie sind. Er sieht in ihnen Gottes Ebenbild, denselben Wert, dieselbe Würde. Er hat offene Augen und Ohren für die Blinden, die Armen und die Traurigen, für die Hoffnungslosen und Verratenen, für die Rechthaber und die Entrechteten, die Ausgeschlossenen und die Einsamen. Wer sich ein Herz fasst und zu ihm kommt, den weist er nicht ab.

Nicht abgewiesen zu werden, ja willkommen zu sein, das stärkt die Seele und oft auch den Körper. Es entfacht neue Kraft. Es hilft, dass Menschen sich selbst annehmen können. Zu Gott dürfen wir kommen, auch wenn wir Fehler machen, auch wenn uns manches nicht gelingt, wir mit uns selbst unzufrieden sind: Gott weist uns nicht ab. Die Liebe Gottes bleibt ewig. Das ist eine gute Basis fürs Leben, eine großartige Zusage, die uns mutig und zuversichtlich macht, Aufgaben und Herausforderungen hoffnungsfroh anzunehmen.

Wer sich von Jesus angenommen weiß, der kann nicht anders, als zu sich selbst Ja zu sagen, der sagt aber auch zu seinen Mitmenschen Ja. Der sieht im anderen nicht den Fremden, nicht den Feind, nicht den Andersgläubigen, den Andersseienden, Andersdenkenden. Er sieht zuallererst den Menschen, Gottes Ebenbild, denselben Wert, dieselbe Würde wie bei sich selbst.

So zu leben, das hat Konsequenzen: Es öffnet uns für den Dialog. Auch wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, ob in der Familie, im Freundeskreis, im Ort oder in unserer Kirchengemeinde: Überall gibt es unterschiedliche Meinungen, können und werden wir streiten, ob wir nun für oder gegen das Impfen sind, für oder gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. Streiten dürfen wir, so lange wir Respekt füreinander zeigen.

Ich gebe zu: So zu leben, ist nicht leicht, es fällt mitunter schwer. Es fordert viel von uns ab: Geduld, Verständnis, Toleranz. Und es kann sein, dass wir immer wieder darin scheitern. Wenn das passiert, seien wir versichert: Bei Gott dürfen wir Fehler machen. Gottes Tür steht offen. Er lädt uns ein, zu ihm zu kommen. Zu Gott dürfen aber auch die, die anders sind als wir. Liebevoll und gütig nimmt er uns an. Liebevoll und gütig ist er zu allen, die seiner Einladung folgen. Bleiben wir miteinander im Gespräch, bleiben wir füreinander offen.

Füreinander offenbleiben, ich glaube, das ist die große Herausforderung, vor die wir gestellt sind. Mit Gottes Hilfe und im Vertrauen auf die Zusage, dass Gottes Tür offen ist, werden wir sie meistern.

Es grüßt Sie herzlich

Ihre Gemeindepfarrerin Anja Krollmann