Vorwort Herbst 2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

ein überdimensionaler Stuhl, aufgestellt in einem Wingert, ziert die erste Seite unseres Gemeindebriefs. Als ich die Abbildung sehe, muss ich schmunzeln. Der Stuhl ist mindestens doppelt so hoch wie ein ausgewachsener Mensch, eigentlich viel zu groß zum Hinsetzen. Man müsste eine Leiter nehmen oder hinaufklettern, um auf die Sitzfläche zu gelangen. Die ist so groß, man könnte bequem auf ihr herum gehen. Eigentlich wirkt sie eher wie eine Plattform. Sicher hat der, der hinaufkommt, von da oben eine herrliche Aussicht. Er kann die Schönheit der Landschaft genießen, einen Moment zur Ruhe kommen, sich fernab von dem, was auf der Erde geschieht, zurückziehen. 

Abstand vom Alltag braucht jeder. Einfach mal Pause machen, sich eine Auszeit gönnen, das ist angesichts des enormen Leistungsdrucks, dem viele in unserer Gesellschaft ausgesetzt sind, notwendig, um die Gesundheit und die Freude am Tun zu erhalten. Dem Alltagstrott für einen Moment zu entfliehen, das reduziert die Gefahr, innerlich auszubrennen oder seines Lebens müde zu werden. Sich herauszunehmen aus dem, was einen tagtäglich angeht, das hilft, die Perspektive zu wechseln, eine andere Sicht auf die Dinge zu gewinnen, sich selbst anders wahrzunehmen. Es verhindert, dass wir betriebsblind werden, dass wir uns überrollen lassen von Routine. Es bestärkt in uns die Fähigkeit, offen zu werden für das Neue und Fremde, es als Chance, Aufgabe oder Herausforderung anzunehmen. Eine Auszeit verschafft Raum, auch dem Besonderen und Schönen zu begegnen, es in den kleinen Augenblicken unseres Daseins zu entdecken, ihm eine Wichtigkeit und einen Wert zu geben.

Vielleicht wollte derjenige, der dieses übergroße Konstrukt erbaute oder der es in seinen Wingert stellte, einen Raum und eine Möglichkeit zur Ruhe geben. Vielleicht wollte er auch zum Perspektivwechsel einladen. Oder er wollte dem, der zu klein, zu schwach, zu ungelenk oder zu krank ist, um auf den Stuhl zu klettern, einen Schutz bieten. Denn wenn die Sonne vom Himmel brennt wie in diesem Sommer, dann spendet die übergroße Sitzfläche darunter kühlenden Schatten. Wenn es regnet, kann man sich getrost unterstellen. Man kann auch unter ihr picknicken – egal bei welchem Wetter. So ein überdimensionaler Stuhl im Wingert, das ist eine feine Sache.

Ich kann mir diese Installation auch als besonderen Ort für einen Gottesdienst vorstellen. Wie schön ließe sich hier Erntedank feiern. An Erntedank ist ja die Arbeit getan, Mensch und Tier kommen zur Ruhe. Es ist die Zeit innezuhalten, das Gute zu sehen, das uns zuteil geworden ist, es wertzuschätzen und dafür zu danken. Wenn ich von Ernte schreibe, dann meine ich damit nicht nur das Ergebnis der Landwirtschaft. Ich meine auch den Betrag auf dem Gehaltskonto, die Rente und Absicherung im Alter, das Kranken- und Arbeitslosengeld, die Produkte in den Supermärkten, die wir kaufen können, die Vielfalt und den Überfluss dort in den Regalen, den Wohlstand und die Arbeitsplätze in unserem Land. All das ist nicht selbstverständlich. Das haben wir zum Teil mitproduziert, das haben wir zum Teil aber auch von unseren Vorfahren übernommen oder durch die Arbeit anderer bekommen.

Auch daran denken wir an Erntedank: dass wir nicht alles uns selbst verdanken, dass wir Teil eines größeren Ganzen sind. Es ist ein Fest der Gemeinschaft und der Freude, des Dankens und der Demut. An Erntedank erkennen wir, dass der Reichtum, der uns zugute kommt, nicht nur uns gehört, sondern dass wir die Güter der Erde mit allen Menschen teilen. Viel zu wenig setzen die reichen Nationen diese Erkenntnis ethisch um. Statt dessen beuten sie die ärmeren Länder und deren Ressourcen für den eigenen Vorteil rücksichtslos aus. Vieles, was wir im Überfluss haben, verdankt sich dem Billiglohn und den menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen andere arbeiten müssen, damit sie das Nötigste zum Leben haben. Billiges Fleisch, das wir im Supermarkt kaufen können, ernten wir, weil es qualvolle Massentierhaltung, Tiertransporte und Großschlachthöfe gibt.

Das Gute, das wir empfangen, verpflichtet uns dazu, mit dafür zu sorgen, dass auch andere Lebewesen – Mensch und Tier – es auf dieser Erde gut haben. Erntedank gibt die Gelegenheit dazu, kritisch zu reflektieren, auf wessen Kosten unser Wohlstand geht, sich des Leids derer bewusst zu werden, denen wir unseren Luxus verdanken, die Lebensrichtung zu ändern, künftig ethisch verantwortlicher zu handeln. Erntedank heißt auch zu teilen mit denen, die es nicht so gut haben wie wir, weil sie sozial, wirtschaftlich benachteiligt oder ausgebeutet sind.

An Erntedank wechseln wir die Perspektive. Wir brauchen diesen Wechsel so dringend, um die Erde zu schützen als guten Lebensraum für alle, damit das Klima sich nicht weiter so rasant verändert wie in den vergangenen Jahren und die Artenvielfalt der Pflanzen und Tiere ausstirbt. Es liegt vor allem an uns, an unserem Verhalten und der Art, wie wir leben, ob Katastrophen wie die zunehmenden Wetterextreme und die daraus resultierenden Folgen: ausgetrocknete Seen und Flüsse, verdorrte oder verbrannte Wälder, geschmolzene Gletscher, überflutete Dörfer die Umwelt unserer Kinder und Enkel zerstören oder ob wir ihnen eine bessere Zukunft ermöglichen.

So schwer es fällt, unsere bequemen und liebgewonnen Gewohnheiten umzustellen. Machen wir weiter wie bisher, wird es diesen Planeten wie wir ihn kennen, für kommende Generationen nicht mehr geben. Jede Änderung, die dem Klimaschutz dient, ist ein Schritt in die richtige Richtung und sei er noch so gering. Ich habe es mir mittlerweile abgewöhnt, im Supermarkt zur Plastiktüte zu greifen. Stattdessen nehme ich einen Korb oder eine Stofftasche mit. In Mehrwegbeuteln, die fast jedes Geschäft anbietet, transportiere ich loses Obst und Gemüse nach Hause. Anstelle des Trinkröhrchens aus Plastik nehme ich Halme aus Papier. Auch eine ungekochte Makkaroni kann gut als Trinkröhrchen dienen. Beim Picknick, Gartenfest oder Grillen verwende ich kein Einweggeschirr, sondern Becher und Teller, die wir Zuhause spülen. Mein Smartphone ist mittlerweile der Oldtimer unter den Mobiltelefonen, aber es tut noch immer seinen Dienst. Wieso sollte ich mir ein neues kaufen und mit meinem alten den Elektroschrott vergrößern?

Sicher gibt es noch vieles, was zu tun nötig wäre, um die Umwelt zu retten. Ein Perspektivwechsel muss her – bei jedem einzelnen, aber auch national und global, sonst wird dieser Stuhl auf der ersten Seite unseres Gemeindebriefs irgendwann zur Rettungsinsel für die Überlebenden einer Flutkatastrophe. Oder er wird eines Tages verwaist dastehen, weil es bei der anhaltenden Dürre auf unserem Planeten keine Reben mehr geben wird, oder weil neben Pflanzen und Tieren der Mensch ausstirbt.

An Erntedank erkennen wir die Welt als gelungene Schöpfung Gottes, der Gott sein Prädikat „Sehr gut“ gibt (1. Buch Mose, Kapitel 1) und die es zu bewahren gilt. Wir können nicht Erntedank feiern und einfach so weitermachen wie bisher. „Schau beim Loben nicht nach oben, schau zur Seite, dann siehst du die Pleite!“, lautet ein Sprichwort. Nehmen wir uns an Erntedank die Zeit, aus unserem Alltag herauszutreten, unser Tun kritisch zu überdenken, die Zeichen der Natur ernst zu nehmen und mit dem aktiven Schutz der Schöpfung zu beginnen.