Predigt zum 17. So. nach Trinitatis 2008

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott,
unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe GD-Gemeinde,
stellen Sie sich einmal vor:

Kirchengemeinden und Kirchenleitung ziehen an einem Strang,

Alt und Jung halten zusammen,

verschiedene Gemeindegruppen – gehen respektvoll
miteinander um,

die Evangelischen unterschiedlicher Frömmigkeit
achten einander,

Katholiken und Protestanten feiern gemeinsam Abendmahl.

So kann es sein,
wenn Menschen sich vom Bibeltext
für den heutigen Sonntag leiten lassen.

Dieser Bibeltext steht im Brief an die Epheser
im 4. Kapitel.


Da heißt es:

„Ich, der Gefangene in Christus, bitte euch also: lebt entsprechend der Berufung, mit der ihr berufen seid. Lebt mit aller Bescheidenheit und Freundlichkeit,
mit Geduld, als solche, die einander in Liebe ertragen. Und bemüht euch, die Einheit des Geistes mit dem Band des Friedens zu bewahren. Es gibt einen Leib und einen Geist. Ebenso seid ihr auch berufen in einer Hoffnung eurer Berufung; Es gibt einen Herrn, einen Glauben, eine Taufe, einen Gott, Mutter und Vater aller. Gott ist über allem, durch alles und in allem.“ -- Gott, segne an uns dein Wort.


Liebe GD-Gemeinde,

vor wenigen Tagen jährte sich der Anschlag
auf die Türme des World Trade Centers in New York.

Fernsehsendungen zeigten die furchtbaren Bilder
des 11. Septembers:

wie die Flugzeuge in die Türme krachen,
Menschen traumatisiert auf den Straßen zusehen,

wie Verzweifelte aus Fenstern springen,

Angehörige erzählen,
wie ihr Ehemann oder ihre Tochter

sich noch am Telefon von ihnen verabschiedet haben, bevor alles in sich zusammenbrach.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht,
liebe Gemeinde,

ob Sie eine dieser Sendungen gesehen,
oder nicht gesehen haben.

Ich wollte nicht wegsehen,

die Brutalität der einen und Ohnmacht der anderen
nicht ausblenden.

Andererseits muss ich sagen:
Solche Bilder zu sehen,

als Beispiel dafür
wie Menschen miteinander umgehen,

was sie sich gegenseitig
-- aus Überzeugung -- antun,

das zu sehen,
tat weh.

Wie sehr verstehe ich daher das Bedürfnis vieler nach einer heilen Welt,
die Sehnsucht nach Glückseligkeit und Harmonie.

Die Sehnsucht nach Harmonie
gibt es auch in unserer Kirche.

Für manche gehört es zum Christsein dazu,
Streit zu vermeiden,

hilfsbereit, freundlich und friedlich zu sein.

Dabei ist das nicht immer gesund oder hilfreich:

Wird Streit vermieden,
ein Disput nicht offen geführt,

gehrt es im Geheimen,

da wird womöglich unterschwellig
oder hinterrücks agiert,

besser kann es sein:
Unstimmigkeiten offen auszusprechen –
auch in einer Kirchengemeinde.

Jesus selbst hat uns da ein Vorbild gegeben:

In der Bibel sind unzählige Streitgespräche Jesu
mit Pharisäern, Schriftgelehrten, Priestern,
Jüngern, Andersgläubigen überliefert.

Auch in der Lesung, die wir vorhin gehört haben,
antwortet Jesus auf die Bitte der Frau,

der Samariterin, zuerst weder hilfsbereit noch freundlich:

Jesus lehnt die Heilung des von einem Dämon befallenen Mädchens glatt weg ab.

Die Andersgläubigen werden mit Hunden verglichen.
Für uns wäre das adäquate Wort heute „Schwein“.
Dann aber - lässt Jesus sich - vom Vertrauen der Frau überzeugen:

Ihre Tochter ist geheilt.

Auch im Hof der Händler und Geldwechsler hat Jesus weder friedlich noch zurückhaltend gehandelt:

Tische und Waren stößt er um,
schimpft, randaliert.

Jesus hat sich nicht vor Konflikten gefürchtet.
Er hat jedoch auch deren Grenzen gekannt.

An keiner Stelle wird gesagt:
Er habe jemanden verletzt.

Er hat brüskiert, herausgefordert, verärgert.

Dann aber zum Wohl des anderen, zu dessen Heil,
für dessen Leben, dessen Seele.
Am Ende hat Jesus für den anderen gebetet,
die andere geheilt,
den anderen vergeben.

Konflikte hat er riskiert,

die Folgen, die seine Konflikte,
seine unbequeme Art,

seine Offenheit,
seine Kritik an Gesetz und Moral -- mit sich brachten,
hat er getragen,

am Kreuz hat er für seine Liebe,
für seine Klarheit,

er hat für seine Überzeugungen
mit dem Leben bezahlt.

Jesus sagt nicht: Mein Weg ist ein einfach.
Jesus sagt:

„Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.“
(Mt 16,24)

Christsein heißt also:

Offen sein – gegenüber sich selbst und anderen,
kritisch sein,

seine Überzeugungen klar sagen,

Konflikte eingehen – wo es nötig ist,
und Konsequenzen tragen
mit dem Respekt gegenüber dem, der anders denkt und lebt.

Christsein – so verstanden – ist alles andere als leicht.
Es bedeutet nämlich:
Sich in -- oder auch mal gegen den Wind zu stellen.

Ganz anders erlebe ich dagegen unsere Kirchenleitung:

Da herrscht in der Tat das Streben nach Einheit,
allerdings eher nach Einheitsbrei.

Die neu verfasste Kirchenordnung,
die derzeit in unserer Landeskirche diskutiert wird,
zeigt es ganz deutlich.

Da sollen Pfarrer in ihrem Ordinationsversprechen nicht mehr auf das Evangelium,

sondern auf die Weisungen der Kirche verpflichtet.

Das Wort „Evangelium“ fällt in diesem Entwurf
des Ordinationsversprechens komplett raus.

Das widerspricht der evangelischen Theologie
Martin Luthers.

Er lehrte ja: sola scriptura,
Allein das Wort Gottes ist bindend für uns.

Das widerspricht auch
der Theologischen Erklärung von Barmen,
auf die ich als Pfarrerin mit vereidigt worden bin.

Diese Erklärung wurde von bekennenden Christen,
die gegen das nationalsozialistische Regime

Widerstand geleistet haben,

1934 auf der Bekenntnissynode von Barmen geschrieben.

Da heißt es im Ersten Artikel:

„Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes,

das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“

Verwechselt unsere Kirchenleitung neuerdings etwa Einheit mit Gleichmacherei?

Sicher ist es gut und hilfreich,
als Christen einer Kirche

eine gemeinsame Linie zu haben.

Und die haben wir ---- seit eh und je – längst gehabt.
So hat es die Erklärung von Barmen gesagt:

„Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort.“

Der Text aus dem Epheserbrief sagt es ebenfalls:

„Es gibt einen Herrn, einen Glauben, eine Taufe,
einen Gott, Mutter und Vater aller.“

Menschen werden geeint,
sind vor Gott gleich:

als Kinder Gottes,
Mitgeschwister Jesu Christi.

Und doch sind wir alle – jeder und jede für sich – grundverschieden,

von Gott – so wie wir sind - gewollt,
geschaffen und bejaht

Kirche Gottes heißt immer:
Vielfalt der Gaben -- und Einheit im Geist.

Vielfalt der Meinungen
und Einheit im Glauben an das eine Wort Gottes.

Verschiedene Menschen: Hautfarben, Nationen, verschiedene Berufe, soziale Zugehörigkeit,

Arbeiter, Angestellte, Arbeitslose, Beamte,
Reiche, Arme, Verwandte, Fremde,
Unsympathische, Sympathische,
Freunde, Feinde

durch die Taufe sind alle eins,
alle ein in Christus.

Als Menschen aber doch jeder individuell.
Als Christen zur Freiheit befreit durch Christus,
an keine weltliche Macht,

keine Gestalt oder Wahrheit gebunden
als an Gottes Offenbarung in Christus.

Und dieser Christus lehrte und lebte:
Liebe zu Gott und zu den Menschen.

Auch Christus war Mensch:
Auch ihm fiel die Liebe zum Nächsten

– wie die Lesung heute gezeigt hat –
nicht immer leicht.

Auch er tat sich manchmal schwer damit,
andere anzunehmen.

Letztlich tat er es aber:
Er hat die Tochter der Samariterin geheilt. ----

Liebe GD-Gemeinde,
Gott hat die Welt bunt geschaffen,
voller Farben,
voller Formen, -- jeden und jede als Individuum.

Gott will sicher auch -- in seiner Kirche
keinen Einheitsbrei.

Gott aber will,
dass wir in Liebe miteinander umgehen.

Gottes Liebe nimmt uns -- und den anderen
in seiner Andersartigkeit ernst und an.

Warum sollten wir also nicht in dieser Liebe handeln?
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.