Predigt am 3. Sonntag nach Epiphanias am 25.01.2009

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott,
unserem Vater, und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.  

Liebe GD-Gemeinde,

vielleicht haben Sie sich schon gefragt:

Wie kommt die Pfarrerin eigentlich auf die Texte, über die sie sonntags predigt?

Was mir hilft,
was ich zur Orientierung habe,

sind vorgeschriebene Bibeltexte,
so genannte Perikopen.

Sechs Reihen solcher Perikopen gibt es.

Wenn Sie also jeden Sonntag
zum Gottesdienst kommen

und der Prediger/die Predigerin
sich jedes Mal an die vorgegebene Ordnung hält,

dann hören Sie – jedes sechste Jahr –
denselben Bibeltext

im Idealfall - mit einer neu geschriebenen Predigt.

In diesem Kirchenjahr - sind wir -
in der ersten Perikopenreihe.

Darin stehen - die wohl bekanntesten
und meist gelesenen - oder gehörten - Bibeltexte:

Geschichten aus den Evangelien
also aus dem Neuen Testament.

Ein Vorteil, -- wenn wir so bekannte Texte hören,
besteht darin:

Die Geschichten bleiben im Gedächtnis,
Glaube wird dadurch gefördert und bestärkt.
Ein Nachteil:
Manchmal kann Vertrautes langweilig werden.

Vielleicht lassen Sie sich heute dennoch darauf ein.

Es mag sein,
dass Sie sich an der ein oder anderen Stelle

sogar selbst wieder erkennen.

Zur Abwechslung wird der Bibeltext heute
pointiert nacherzählt.

Und diese Erzählung geht so:

Schon vor einiger Zeit hatte es angefangen:
ein leichtes Ziehen in den Beinen.

Hatte er sich bei der Arbeit überanstrengt?
Bei seiner Arbeit hatte er viel zu laufen – das war klar.

Er war Soldat und diente -- als persönlicher Adjutant dem Hauptmann.

Der konnte seine Leute ganz schön strapazieren.
Für Postgänge gab es zwar gewöhnliche Boten.

Aber,
wenn etwas besonders wichtig oder vertraulich war,

dann schickte der Hauptmann ihn,
seinen persönlichen Diener.

Ihm vertraute er.

So war er schon mehrfach von Pontius zu Pilatus gelaufen.

Hier in Kapernaum –
am nördlichen Zipfel des israelischen Landes
war seine Legion stationiert,

und er musste schon mehrere Tage laufen oder reiten,
um nach Caesarea zu kommen,

zum Palast des römischen Statthalters von Judäa.

Seinen Beinen hatte das nie etwas ausgemacht.
Als Soldat Roms war er durchtrainiert.

Aber dann hatte dieses Ziehen angefangen.

Erst dachte er:
„Das geht wieder weg.“

Doch es wurde immer schlimmer.

Er hatte kein Gefühl mehr,
konnte nur noch unsicher gehen,
irgendwann ging es gar nicht mehr.

Sie würden ihn sicher bald aus der Armee entlassen.
Und dann?
Arbeitslos, krank, Betteln, Hunger, Tod.
Sie brauchten bei der Armee fähige Soldaten.

Jetzt fühlte er sich nutzlos, wie ein Ballast,
lag seinem Vorgesetzten auf der Tasche.

Doch der gab ihn nicht so schnell auf.
Der hatte alle möglichen Ärzte kommen lassen.

Alles hatten sie an ihm ausprobiert.
Nichts hatte geholfen.

Dann hatte er von diesem Wunderheiler gehört,
einem Juden namens Jesus.

Die Leute sagten:

Dieser Mensch habe schon Kranke geheilt,
einen mit Aussatz – gerade neulich.

Er sei draußen in den Bergen,
aber heute käme er nach Kapernaum zurück.
Der Hauptmann wollte nicht länger warten.

Er lief aus dem Haus,
wollte den Heiler selbst zu seinem Diener bringen.

Der Glaube der Juden verbat
jeglichen Umgang mit ihm

das wusste er,
er war lange genug in diesem Land,

kannte die Leute und ihre Angst vor allem,
was unrein macht.

Er als Heide, sein Diener krank:
sie galten beide diesem Volk als unrein.

Aber er würde ihn schon mit sich bringen,
diesen Heiler, notfalls mit Waffengewalt.

Sein Schwert hatte er dabei.

Sollte dieser Jesus sich doch verunreinigen.
Hauptsache, sein Diener würde gesund.

Wenn er ehrlich war,
war er schon lange nicht nur sein Diener,

er war sein Freund geworden,
einer, dem er vertraute.

Der Hauptmann wollte keinen anderen Adjutanten.

Mit diesen Gedanken im Kopf
und seinen Gefühlen im Herzen

kam er an den Rand des Dorfes,
auf die Straße, die in die Berge führt.

Dort stand eine Gruppe Juden.

In ihrer Mitte stand ein Mann.
Andere drängten sich um ihn.

„Heile mich!“ rief einer.

„Komm mit zu meiner Mutter,
die liegt schwer krank!“-- rief eine andere.

Und immer wieder riefen sie einen Namen:
„Jesus! Jesus!“

Das war er also.

Der Hauptmann brauchte nicht viel Aufhebens zu machen.

Als die Leute ihn bemerkten,
wichen sie vor ihm zurück,

wollten nicht mit ihm in Berührung kommen,
mit dem Unreinen.
Doch dieser eine wich nicht.

Er blieb, als der Hauptmann kam,
sah ihn ruhig an aus freundlichen, sanften Augen.

Und der Hauptmann,

der vorher noch sein Schwert ziehen wollte,
um zu erzwingen, was nicht freiwillig geschah,

hörte sich sagen:

„Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen.“

Er, der es gewohnt war zu befehlen,
hörte sich bitten,

erlebte sich als einen, der mit litt
an der Krankheit eines anderen –

so stand er jetzt da.
So hatte Jesus ihn wohl auch gesehen.

Denn er sagte:
„Ich will kommen und ihn gesund machen.“

Doch der Hauptmann wehrte ab:
„Du brauchst nicht zu mir zu kommen.“

Dieser Mensch sollte durch ihn nicht unrein werden.
Was so rein war, musste rein bleiben.

Und er sagte:

„Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, aber sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.“

Als Soldat wusste der Hauptmann:

Ein Wort konnte ein Befehl sein
und musste befolgt werden.

Und was dieser Mensch sagte, das würde geschehen.

Das war dem Hauptmann mit einem Mal klar,
so klar wie ein strahlendes Licht tief in ihm.

Er war über sich selbst erstaunt.
Aber noch erstaunter war dieser Heiler:

„Solch einen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden!“ – staunte der.

Hatte der Hauptmann – ein Soldat Roms,
Teil einer gewaltigen und gewalttätigen Besatzung,

Feind der Juden, Heide, unrein,
 
von Juden gemieden, verachtet, gehasst,
hatte er diesen einen auf seiner Seite?

Der Hauptmann hatte nur gesagt, was er gespürt hat,
was als Überzeugung aus ihm herauskam.

Hatte dieser eine Satz tatsächlich geholfen?
„Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast.“

Als der Hauptmann in sein Haus kam,
stand sein Adjutant an der Tür - und lief ihm entgegen.

So weit die Geschichte.

Liebe GD-Gemeinde,

was dem Diener des Hauptmanns geholfen hat,
ist der Glaube seines Hauptmanns gewesen.

Glaube kann Berge versetzen –
so steht es in der Bibel.

Wir wissen aber auch:
Menschen werden krank, leiden, sterben.
Jetzt könnte der ein oder die andere denken:
Haben diese Menschen nicht geglaubt?

Haben sie oder ihre Freunde, Verwandten nicht genug vertraut?

Ich denke:

Glauben ist keine Leistung,
nichts, womit wir Gott bestechen können.

Gottvertrauen ist ein Geschenk..

Das können wir weder erzwingen,
noch aus uns hervorbringen.

Warum der eine mehr,
die andere weniger glaubt – liegt bei Gott.

Das ist Gottes Geheimnis.
Wichtiger ist:
In der Geschichte vom Hauptmann
wie in unserem eigenen Leben

wird Glaube auf die Probe gestellt.
Ganz gleich, ob der Glaube groß ist oder klein.

Zweifel gehören mit zum Glauben.
Auch Jesus hat Zweifel gehabt.

Er zweifelte – wie die Evangelien erzählen –
während seines Sterbens am Kreuz.

Markus und Matthäus schreiben:

„Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen?“

Glaube wird auf die Probe gestellt – damals und heute.

Sollen wir nun daraus schließen,
dass Gott solche Prüfungen mag
oder dass er sie nötig hat?

Ich glaube: Nein!

Gott hat keine Probe nötig.
Gott sieht Menschen ins Herz.

Er weiß, wie es darin aussieht mit unserem Glauben.

Ich glaube eher:
Wir Menschen stellen uns selbst auf die Probe.

Wir prüfen unser Vertrauen,
indem wir von Gott dieses oder jenes erwarten,

und erleben, dass dieses oder jenes nicht geschieht.
So bauen wir unsere eigenen Glaubenshürden auf.

Wir tun das, während Gott längst damit begonnen hat,
an uns zu handeln.
Nur sieht Gottes Hilfe oft anders aus
als wir sie von Gott erwarten.

Noch ein Blick auf das Kreuz:
Jesus stirbt.

Er wird als Leichnam vom Kreuz genommen,
in Binden gewickelt, bestattet, betrauert.

Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte Jesu
und seiner Jünger werden mit ihm begraben.

Furcht, Entsetzen, Zweifel machen sich breit.

Jünger laufen davon,
verstecken sich in irgendwelchen Häusern.

Jesu Gemeinschaft ist in der Krise,
Ziele, Pläne, Vorhersagen sind gescheitert.

Und dann passiert das Unfassbare:
Als keiner an mehr ein Wunder glaubt,
entdecken Frauen sein leeres Grab.

Gott handelt anders,
als Menschen es von ihm erwarten.

Beim Hauptmann von Kapernaum
haben wir ein Paradebeispiel für einen Menschen
mit starkem Glauben,

eine Geschichte mit happy end.
Und ich denke:

Diese Geschichte,
das Wunder, das darin erzählt wird,

hat nur einen Sinn:
Uns Mut zu machen.

Auch unsere Geschichte mit Gott
wird ein happy end haben.
Trotz aller Erwartungen, die wir an Gott richten.
Vertrauen wir - dennoch - auf Gott!

Trauen wir Gott mehr zu,
als wir erwarten.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.