Predigt zur Christnacht am 24.12.08

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott,
unserem Vater, und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde der Weihnacht,

Ruhe ist eingekehrt – in die Häuser und Straßen,
still ist es geworden – vielleicht auch in uns.

Vielleicht sind wir aber auch unruhig,
angefüllt vom Betrieb vergangener Stunden und Tage,

sind nun - in diese Kirche - gekommen,
um ruhiger zu werden,

offen zu werden und aufzunehmen,
was Gott in dieser Nacht für uns bereitet hat,

den Sinn der Weihnacht,
die Botschaft der Engel. ----

Zur Weihnacht gehören Geschichten,
heute - habe ich - für Sie -
eine neuzeitliche Geschichte mitgebracht,

nach einer Erzählung von Werner Reiser
und diese Geschichte geht so:

Kurz vor Weihnachten stand auf dem Platz
gegenüber dem Bahnhof ein Bote mit einem Brief. Darauf waren drei Worte geschrieben:
"An die Begnadete". Der Bote hatte den Brief
kurz vorher in die Hand bekommen und dazu
den Auftrag, den Brief in dieser Stadt abzugeben.
Bei der Auswahl des Empfängers hatte er freie Hand. Glückselig war er loszogen. An seinem Auftrag
hatte er sich so gefreut, dass er mit dem Umschlag nach allen Seiten gewinkt -- und gelacht hat.
Das würde ein Auflauf werden! Sicher würden sich Hunderte um ihn drängen und behaupten, der Brief
sei an sie!
Er hatte sich vorgenommen, sorgfältig und weise auszusuchen. Um das Gedränge gut bestehen
zu können, hatte er sich für den Platz gegenüber
dem Bahnhof entschieden. Erst als er in der Nähe war, merkte er, dass der Platz nicht von Menschen,
sondern von Autos voll besetzt war.
Aber er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen:
"Wo Blech ist, sind auch Menschen." – dachte er.
Er hielt den Brief aufrecht in der Hand und stellte sich so hin, dass er jedem Vorübergehenden auffallen musste. ---- Aber -- wie wohlerzogen sie hier waren!
Wohl schaute die eine und der andere auf ihn und seinen Brief, aber keiner kam näher, um aus Neugier oder Interesse zu lesen.
Nein, so war den Leuten hier nicht beizukommen.
Er musste sich ihnen nähern, sie anreden und herauslocken. Es war zwar unter seiner Würde,
aber was zählte hier himmlisches Ansehen.
Die Adresse musste vervollständigt werden.
So lautete der Auftrag an ihn.
"Dort, dort kommt eine Frau mit zwei Kindern und
einer Tasche, die von Tüten und Paketen überquillt.
Sie muss glücklich sein. Sie ist es!", dachte er
und trat ihr in den Weg. "Ich habe einen Brief für Sie, wollen Sie bitte lesen", sprach er sie an
und streckte ihr den Umschlag entgegen.
Sie musterte den Fremden überrascht.
„Man wird sonst hier auf der Straße nicht angesprochen. Ein Brief, der nicht auf ordentliche Weise mit der Post kommt? Wohl ein neuer Reklame-trick für die Weihnachtssaison?“ dachte sie und sagte laut: "Nein, danke, ich brauche nichts.
Und wie Sie sehen, habe ich mit dem Einkauf
und den Kindern alle Hände voll zu tun." -- Der Bote wandte sich bestürzt ab. Was er hatte, brauchte sie nicht. So sagte sie. "Dass sie sich da nur nicht irrt!", dachte er. -- Dann sah er eine junge elegante Frau
auf ihn zukommen. Er streckte ihr den Brief entgegen. Sie nahm ihn und las: "An die Begnadete?"
Dann lachte sie etwas verlegen und sagte: "Nein,
das bin ich nicht. Künstler sind begnadet,
aber ich nicht. Ich habe keine besonderen Fähigkeiten, das ist 'ne Nummer zu groß für mich. Leider!",
und sie gab ihm den Brief zurück und ging weiter.
„Warum denkt sie über sich so klein? Weiß sie denn nicht, wie klein ER sich gemacht hat und wie groß ER von ihr denkt?" -- Der Bote ließ den Brief sinken. Stand er am falschen Ort? In der falschen Stadt?
Aber er hatte den Namen der Stadt gehört.
Er ging ein wenig auf und ab. Es begann zu regnen. Einige Tropfen fielen auf den Umschlag und wellten das Papier. Als er es näher ansah,
fielen ein paar Tropfen auf das zweite Wort und verwischten die letzten Buchstaben. Der Bote stutzte. Das war vielleicht ein Zeichen.
Nun könnte auch ein Mann der Empfänger des Briefes sein. „Die oder der Begnadete“.
Was war das schon für ein Unterschied! Natürlich, auch Männer gehörten dazu.
Jener zum Beispiel, der Mann mit der Aktenmappe.
Der Bote grüsste ihn freundlich und fragte – nun schon etwas angriffslustiger:
„Ist der Brief nicht etwa für Sie?“
Der Mann las die Worte auf dem Umschlag,
dann wehrte er heftig ab:
„Ich bin nicht begnadigt“, sagte er,
„denn ich war nie verurteilt. Sehe ich etwa so aus?
Mit Gerichtssachen habe ich nichts zu tun.
Ich habe mir nichts vorzuwerfen.“
Und energisch drückte er seine Mappe unter den Arm und gegen das Herz.
Gegen das nie verurteilte und nie begnadigte Herz eines wohlanständigen Mannes. --- Wieder nichts.
Der Bote blieb allein zurück.
Er bemerkte, dass andere Boten in dunkelblauer Kleidung zwischen den Autos herumgingen,
da und dort stehen blieben und einen weißen Zettel
auf die Windschutzscheibe legten. Die wollten wohl auch jemandem eine freudige Überraschung machen! Ihr Vorgehen leuchtete ihm ein, und er ging langsam auf ein Auto zu und versuchte, den Umschlag
auf die Scheibe zu legen. Da kam ein Mann angerannt, warf die Hände in die Luft und rief:
„Ich bin rechtzeitig zurückgekommen.
Verschonen Sie mich mit Ihrem Bußzettel!“
Der Bote stutzte: Buße? Dieses Wort kannte er doch.
Aber dieser Mann sah keineswegs bußfertig aus.
War zu der Gnade auch die Buße bei den Menschen
in Verruf gekommen? Er konnte gerade noch
den Umschlag von der Scheibe nehmen, bevor
der Mann eilig losbrauste. „Hier stehe ich falsch!“, dachte der Bote und ging Richtung Innenstadt.
Als er auf dem Marktplatz stand, versuchte er es
noch einmal.
Da kam ein Mann in einem eleganten Mantel.
Den sprach er an. Der Mann studierte die Brief-aufschrift und fragte: „Was soll ich mit diesem Brief? Ich bin Geschäftsmann. Ich bin vom Morgen bis zum Abend unterwegs und werde von meinen Kunden und Konkurrenten gnadenlos gehetzt. Mir wird nichts geschenkt. Ich muss selber alles hart erarbeiten.
Gnade Gott dem, der da nicht mitkommt!
Aber nun halten Sie mich nicht länger auf.
Ich habe noch einige Termine vor mir.“
Und rasch ging er davon. „Ja, Gnade Gott dem,
der da nicht mitkommt“, flüsterte der Bote hinter ihm her und seufzte schwer. --- Mittlerweile war der Regen stärker geworden und er stand vor der dunklen, riesigen Kirche. Zum Schutz vor dem Regen drückte er sich an das Hauptportal. Seinen Auftrag war er leid.
Was sollte er sich mit den - zu Stein - erstarrten - Herzen der Menschen - herumschlagen!
Ob er den Brief nicht einfach irgendwo hinlegte,
wo ihn zufällig jemand finden würde? --- Plötzlich erblickte er über sich eine Nische. Er streckte sich aus, um in die Nische zu blicken…
Ja, hier wollte er seine Botschaft niederlegen. Aber wer sollte sie da, viele Meter hoch über dem Boden schon finden? „Nein, ich darf die Gnade Gottes
nicht verstecken!“, dachte er: „Es gibt doch irgendwo einen Menschen, der sie freiwillig annimmt und sich an ihr freut. Vielleicht betritt jemand dieses Haus mit dem Heimweh nach ihr und ist froh, sie zu finden.“
Er schaute das bronzene Portal an, drückte sich an es und drang hindurch. Mit seinem Licht erhellte er
die dunkle Kirche und schritt durch den großen Raum.
Die Leere bedrückte ihn, aber stimmte ihn zugleich zuversichtlich. Da war doch Platz für viele,
und unter den vielen würde ein Mensch sein,
der sicher das Angebot annimmt. Er legte den Brief auf den Tisch vorne. Dann zog er sich hinter eine
der Säulen zurück und begann von neuem zu warten.
Er durfte ja nicht dorthin zurückkehren,
wo er den Auftrag erhalten hatte, bis er erfüllt war.
Seither liegt der Brief auf diesem Tisch
und wartet auf den, der ihn annimmt. Wartet darauf, dass jemand von Herzen singt: „Christ der Retter
ist da!“ Wartet auf einen Menschen, der weiß, dass er sie nötig hat: Gottes Gnade,
so nötig wie alle Menschen. So wartet mit dem Brief im Verborgenen ein Bote auf einen Menschen,
der sich nach einem gnädigeren Leben sehnt.
Und sich von Gott beschenken lässt mit seiner Gnade.

Das – liebe Gemeinde – war die Geschichte,
die ich Ihnen für heute mitgebracht habe.

Gott schenkt Gnade.
Jesus ist Gottes Gnadengeschenk - an uns.
Durch ihn will Gott Menschen froh und heil machen.
---- Hier auf dem Altar liegt nun ein Brief für Sie –

genau genommen sind es viele Briefe
– für jeden einen.

Nach dem Gottesdienst
kommen Sie bitte vor zum Altar

und nehmen Sie - einen solchen Brief - für sich - mit nach Hause.

Er liegt für Sie – hier in der Krippe.

In ihr ist das Heil der Welt,
Gottes Geschenk der Gnade, -- die auf uns wartet.

Was in dem Brief an Sie steht,
das lesen Sie -- in aller Ruhe. ----

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft