Predigt am Sonntag Sexagesimae, 27.2.2011

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott,
unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe GD-Gemeinde,

Sie haben heute ein Bild bekommen.
Darauf zu sehen, ist eine ländliche Szene.

Zwei Menschen, zwei Bauern
ruhen sich - auf dem Feld - von ihrer Arbeit aus.

Die Arbeit ist noch nicht beendet:

Die Garben am Boden
müssen noch aufgeladen werden.

Der Erntewagen - im Hintergrund - ist leer.

Pferd oder Ochse sind noch nicht angespannt,
sie grasen.

Auch ihnen wird Ruhe gegönnt.

Ich finde: Es ist ein ruhiges, beruhigendes Bild,
das wir hier sehen.

Etwas verklärt zeigt es ländliche Idylle.
So zu leben – das wäre schön:

die Freiheit zu spüren
und den Mut zu haben, sich Ruhe zu gönnen,

Pause zu machen - nicht erst am Ende eines Tages, sondern schon mitten am Tag, inmitten der Arbeit,

Zeit zu genießen, auch Zeit für sich zu haben.

Für einige
ist das ein kaum zu erreichender Wunschtraum,
für andere ein Ideal.

Die meisten von uns leben vermutlich anders:
Früh morgens aufstehen,
von Ansprüchen des Alltags beladen,

mit den ersten Anforderungen bereits konfrontiert:

schnell ins Bad, Kinder wecken, Pausenbrot machen,
Frühstück herrichten, den Ranzen packen.
dann ab auf die Straße,

Kinder zum Bus, in den Kindergarten
oder in die Schule fahren,

in Kilometer langen Staus zur Arbeit,
im Stopp and Go auf der Autobahn.

Oder am Bahnhof,
wo sich wieder mal der  Zug verspätet,
verärgert auf die Uhr sehen, ungeduldig warten.

Wieder mal zu spät zur Arbeit.
Was wird der Chef sagen?
„Zeit ist Geld.
Verspätungen werden in kürzerer Zeit nachgearbeitet.

Die Stechuhr zählt
erst nach dem Einschieben der Karte.“

Endlich im Büro – türmen sich Aktenstapel.

Das meiste muss am selben Tag bearbeitet werden,
Termine werden kurz hintereinander geschaltet,

Emails beim Telefonieren beantwortet,
die Pause zugunsten der Arbeit vertagt.

Ein Stück Brot zwischen durch muss genügen,
das geht auch am Schreibtisch – während der Arbeit.

So hektisch leben Menschen fast jeden Tag
bis zum Abend.

Akkordarbeit, Produktivitätssteigerung,
hohe Leistungsansprüche als Dauerzustand.

Solche Ansprüche müssen oft bitter bezahlt werden:
Müdigkeit, Lustlosigkeit, Burnout sind die Folgen.

Ausgebranntsein – das ist mittlerweile
die psychische Volkskrankheit Nummer eins,

so schrieb vor kurzem die Zeitschrift „Der Spiegel“.

In unserer Gesellschaft setzen Menschen sich selbst
immer mehr unter Druck,

werden immer höhere Leistungsanforderung
von außen an sie gerichtet,

ob am Fließband, in Banken, Wirtschafts- oder
Verwaltungszentralen.

Menschen, die unter Druck sind,
stehen unter Spannung, geraten in Stress.
Stress verhindert, dass wie zur Ruhe kommen.

Wir können unsere Anspannung nicht auflösen,
geistig nicht abschalten.

Viele leiden unter Schlaflosigkeit, Nervosität,
werden unkonzentriert, gereizt, sind überarbeitet.

Menschen unter solchen Lebensbedingungen
werden krank.

Dabei ist Schlaf so wichtig, damit wir uns entlasten,
regenerieren, aufatmen, entspannen.

Wie wichtig der Schlaf ist, das hat auch Jesus gewusst.

Deshalb hat er in einem Gleichnis
vom Schlafen geredet.

Ich lese aus dem Markusevangelium, Kap. 4,
die Verse 26-29. Da sagt Jesus zu uns:
„Mit dem Reich Gottes ist es so,
wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und
schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same
geht auf und wächst - er weiß nicht, wie.
Denn von selbst bringt die Erde Frucht,
zuerst den Halm, danach die Ähre, danach
den vollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber
die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald
die Sichel hin; denn die Ernte ist da.“ –
Gott, segne an uns dein Wort.

Liebe GD-Gemeinde,

für uns, die wir in der Landwirtschaft leben,
scheint das Gleichnis nicht zu stimmen.

So einfach funktioniert Landwirtschaft nicht.
Die Arbeit geschieht nicht im Schlaf.

Gerade die Winzer und Landwirte gehören zu denen,
die am wenigsten in Urlaub fahren und Freizeit haben,
sie haben kaum Sonn- noch Feiertag.
Viele von ihnen sind das ganze Jahr über im Einsatz:

Mulchen, grubben, zackern, hächseln, düngen, säen,
schneiden und biegen, brechen aus,

spritzen gegen Unkraut, Krankheiten,
Schädlinge Pilze.
 
Es braucht den richtigen Boden,
damit eine Saat gut aufgeht.

Nicht jeder Boden ist geeignet für jede Pflanze –
wie wir vorhin in der Lesung gehört haben:

Fällt der Samen auf den Weg, wird er zertreten,
Vögel kommen und fressen ihn auf.

Fällt er auf Felsen, vertrocknet er,
geht ein, weil er zu wenig Nahrung findet.

Fällt er unter die Dornen, wird er erstickt,
hat keinen Raum, sich zu entfalten.

Nur der Samen, der auf gutes Land fällt,
wird Frucht bringen.

Agrarwissenschaftliches Denken und Handeln
sind notwendig.

Also nicht nur säen und ernten,
dazwischen geschieht nichts.

Liebe GD-Gemeinde,

mit seinem Vergleich wollte Jesus uns
etwas Bestimmtes sagen.

Und um dieses Bestimmte zu sagen,
hat er einen verkürzten Vergleich gewählt.

Jesus wollte uns etwas vom Reich Gottes erklären:
Das Reich Gottes geht auf – und keiner weiß wie.

Gottes Reich kommt,
ohne dass wir etwas dazu tun können.

Gott wirkt unabhängig von uns.
Damit aber das Reich Gottes kommt,

damit es aufgehen kann in einem Menschen
wie der Same in der Erde,

dazu muss der Same erst mal aufs Land,

muss das Wort, die Botschaft von Gott
zu den Menschen.

Und damit die Botschaft von Gott
zu den Menschen gelangt,

sind Sämänner und Säfrauen im Einsatz.
Sämänner und Säfrauen –
das sind nicht nur durch die Pfarrerinnen und Pfarrer.
Mit dem Sämann im Gleichnis sind alle gemeint.

Gottes Wort säen – das ist Christsein.
Christsein heißt, seinen Glauben leben,

publik machen, was Gott uns sagt,
durch Wort und Tat.

Als Evangelische leben wir nicht nach dem Motto:

Lass doch die Pfarrer machen,
die haben das studiert, die werden dafür bezahlt.

Als Evangelische
leben wir nicht in einer Pfarrerkirche,

für uns ist der Begriff
vom Priestertum aller Gläubigen maßgebend.

Dieses Priestertum aller Gläubigen
wird im 1. Petrusbrief beschrieben.
Da heißt es in Kap. 2:

„Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht,
die  königliche Priesterschaft, das heilige Volk,
das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt
die Wohltaten dessen, der euch berufen hat
von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht;
die ihr einst »nicht ein Volk« wart,
nun aber »Gottes Volk« seid,
und einst nicht in Gnaden wart,
nun aber in Gnaden seid.“

Liebe GD-Gemeinde,

Christsein heißt Glauben bekennen und verbreiten.
Diese Aufgabe soll unser aller Aufgabe sein.

Dazu hat Gott uns berufen,
dafür hat er uns Fähigkeiten geschenkt.

Die Fähigkeiten, die jeder von uns hat,
können dabei sehr unterschiedlich sein.

Jeder von uns betätigt sich als Sämann oder Säfrau
auf seine und ihre Weise:

Eine Nachbarin z. B., die einen Krankenbesuch macht,

wird der Nachbarin womöglich
nichts von Jesus erzählen,

sie werden vielleicht beten,

und doch hat sie - mit ihrem Besuch - 
einen wichtigen Dienst getan im Sinne Jesu –

auch wenn uns das nicht immer bewusst ist.

Denn sie hat - allein durch ihre Präsens -
etwas von Gottes Liebe weitergegeben,

Licht und Hoffnung ins Haus
und in das Leben eines Menschen gebracht.

Was würde Jesus dazu sagen?
Er sagt:  Besucht eure Alten, eure Kranken,

helft denen, die in Not sind, Fremden und Nachbarn,
stellt euch mit ihnen auf die Seite des Lebens.

Übt Nächstenliebe, jeden Tag!
So sieht gelebter Glaube aus.

Ein anderes Beispiel ist,
wo jemand versucht, sein Kind in Würde großziehen,

Werte und Anstand mitzugeben.

Zu diesen Werten gehört auch,
ehrlich zu sein mit sich uns seinen Nächsten.

Dabei ist es gar nicht so leicht,
in einer Welt, in der Lügen als Kavaliersdelikt gilt,
in Würde und Anstand groß zu werden.

Die Ev. Kirche hat in diesem Jahr für die Fastenaktion das Motto „7 Wochen ohne Ausreden“ gewählt.

Dahinter steht die Einsicht,

dass der Mensch, der ehrlich mit sich ist
und offen mit anderen umgeht,

Beziehungen fördern und Vertrauen schaffen kann.

Auch im Religions- und Konfirmandenunterricht
versuche ich,

Kindern Ehrlichkeit zu vermitteln
und christliche Werte weiter zu geben.

Dabei weiß ich nicht, ob diese Saat aufgeht.
Das Aufgehen liegt nicht an mir, das ist Gottes Werk.
Habe ich als Säfrau nach bestem Wissen
und Gewissen

mit dem Handwerkszeug, das ich habe,
Gottes Wort unters Volk, zu den Menschen gebracht,

muss ich Gott wirken lassen.

Als Menschen haben wir das Aufgehen der Saat,
das Entstehen von Glauben, nicht in der Hand.

Wir können dem Wachsen nur zusehen,
und manchmal nicht einmal das.

Wie das aber geht, dass Glaube entsteht,
das können wir nicht verstehen.

Wie Gott wirkt, ist ein Geheimnis,
das bleibt so verborgen wie der Samen in der Erde.

Dass wir nicht wissen, wie Gott wirkt:
im Glauben eines Menschen,
im Entstehen einer Pflanze,

das kann schwer sein, es kann aber auch entlasten.

Ist der Samen, die Botschaft von Gott
erst einmal ausgebracht,

kommt es beim Aufgehen nicht auf uns an.
Wir dürfen Gott wirken lassen.

Für das Aufgehen der Saat
braucht es keinen Landwirt.

Das Aufgehen geschieht im Samen.

Der Agrarwissenschaftler, der Biologe
wird vielleicht was von Zellteilung sagen.

Dass es aber möglich ist,
dass aus einem Korn eine Pflanze wird,
dass Grün aus der Schale hervorbricht,
eine kleine Spitze, aus der ein Stiel wird,

eine Knospe sich bildet, eine Blüte, die Frucht bringt,
dass all das geschieht – das ist und bleibt ein Wunder.

Und während das Wunder geschieht,
dürfen wir uns Zeit für uns nehmen,

uns hinlegen und ausruhen –
Ausruhen gehört mit zum Christein.

In der Bibel heißt es:

Die Ruhe sei dem Menschen heilig.
Darum soll der siebte Tag ein Tag zum Ausruhen sein.

Jetzt werden einige denken:

Pause machen – das klingt ja herrlich,
zu schön, um wahr zu sein.
Es gibt auch Berufe, die keinen freien Sonntag haben,
in denen müssen Menschen sonntags arbeiten:

Ärzte, Pflegepersonal, Küster, Organisten, Pfarrer.
Dieser Einwand ist wahr, aber:

Ärzte, Pflegepersonal, Küster, Organisten, Pfarrer
haben dafür einen anderen freien Tag in der Woche.

Es ist wichtig,
wenigstens einen Tag in der Woche frei zu haben

zum Wohl des Menschen, des Lebens, der Gesundheit, des sozialen Miteinanders.

Dafür steht der Schutz des Sonntags.
Deshalb heiligte Gott den siebten Tag.

Auch wenn manche meinen,
dass sie keinen Sonntag nötig haben.

Nicht nur durch verkaufsoffene Sonntage
wird der Schutz des Sabbats immer mehr ausgehöhlt.

Wie oft wird - auch am Sonntag - 
gehämmert und Rasen gemäht,

gönnen Menschen sich uns anderen keine Stille,

rauben sich und Ihnen die Möglichkeit,
zur Ruhe zu kommen, zu regenerieren, aufzuatmen.

Der Sonntag hat doch erst dann einen Sinn,
wenn wir zur Ruhe kommen, Pause machen,

uns Zeit nehmen, Kräfte sammeln,
innerlich abzuschalten, aufzutanken.

Die beiden Bauern auf dem Bild
nehmen sich Zeit zur Pause.

Vincent van Gogh hat sein Bild
deshalb Mittagsrast genannt.

Vielleicht haben wir dieses Bild als Idylle,
idealisierte Utopie, als Wunschtraum abgetan.

Es könnte doch auch unser Ziel werden:
In die Stille gehen, sich Ruhe zu gönnen,

nicht erst am Ende eines Tages,
sondern schon mitten am Tag.

Während der Fastenzeit bieten wir
einmal in der Woche Meditationstreffen an,

eine Möglichkeit zur Ruhe zu kommen.
Vielleicht könnte das auch was für Sie sein!

Auch die beiden Bauern auf dem Bild
werden ja nicht ewig schlafen,

irgendwann werden sie aufstehen und weiterarbeiten.
Doch im Gegensatz zu denen, die durcharbeiten, werden sie ausgeruht und frisch sein.

Sie werden regeneriert umso besser arbeiten:

Stroh wenden, Garben aufladen,
Pferd oder Ochse einspannen,
das Geerntete in die Scheune fahren und abladen.

Auch das Ernten gehört mit zum Christsein:

Als Sämänner und Säfrauen
dürfen wir die Ernte Gottes mit einfahren.

In meinem Religionsunterricht zum Beispiel

hat mir eine Schülerin gesagt,
dass sie getauft werden will.

Als Säfrau weiß ich nicht,
ob dieser Wunsch das Ergebnis meiner Saat war.
Ich weiß: Da hat Gott gewirkt.

Vielleicht war das Aufgehen des Wunsches
auch der Keim einer anderen Saat.

Kann sein, dass auch mehrer Sämänner und Säfrauen
zusammengearbeitet haben.

Ich hoffe natürlich, dass auch etwas, von dem,
was ich ihr vermitteln wollte, aufging.

Ich habe mich jedenfalls über Ihren Wunsch gefreut
und ich habe den Wunsch getauft zu werden
wie eine Ernte heimgefahren.

Er hat mich motiviert,
mit meiner Art des Säens weiter zu machen.

Ich weiß,
dass das Aufgehen der Saat nicht von mir abhängt.
Dazu braucht es Gott.
Dennoch kann ich solche Momente als Erfolg
und Bestätigung erfahren.

Solche Momente erleben Sie sicher auch
beim Aufgehen Ihrer Saat.

Lasst uns also als Sämänner und Säfrauen
unser Bestes tun und die Botschaft von Gottes Reich,
unseren Glauben zu den Menschen tragen.

Dabei können wir nicht alles aus uns heraus leisten.

Lasst uns also das Aufgehen unserer Saat vertrauensvoll in Gottes Hand legen.

Geben wir Gott Raum,
um in uns und durch uns zu wirken.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.