Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Pandemie hält an, obgleich das Leben sich in den letzten Wochen wieder mehr geöffnet hat, ein Stück Alltag zurückkehren konnte. Die gesetzlichen Lockerungen nach dem Lockdown und das anhaltend warme Wetter machten es möglich, sich mit anderen im Freien zu treffen. Die Fußgängerzonen waren angefüllt mit Menschen. Freie Plätze in Straßencafés und Restaurants gab es selten. Wer daheim blieb, suchte öffentliche Bäder und Badeseen auf. Die Reisefreiheit kehrte wieder. Wer im In- oder Ausland Urlaub machen wollte, konnte das tun. Viele Touristenorte an Nord- und Ostsee meldeten: „Wir sind ausgebucht.“ Auch in die südlichen Länder zog es manchen Sonnenanbeter. Viele sehnten sich nach Normalität.

Die geringen Ansteckungszahlen hier zu Lande bestätigen, dass die Schutzmaßnahmen der Regierung und das kooperative Verhalten der allermeisten Menschen gegriffen haben. Die Wissenschaft hat das Virus weiter erforscht und viele seiner Wirkungen kennen gelernt. Man weiß, worauf zu achten ist, wie man sich zu verhalten hat, damit die Krankheit sich nicht ausbreitet: ein Meter fünfzig Abstand halten, in die Armbeuge niesen, regelmäßig Hände waschen, Mund-Nase-Schutz tragen.

Viele haben sich mit diesen Corona-Auflagen arrangiert: Beim Friseur, in der Gastronomie und auch vor jedem Gottesdienst hinterlasse ich meinen Namen, Adresse und Telefonnummer, damit das Gesundheitsamt mögliche Infektionsketten nachvollziehen und unterbrechen kann. Laut Robert-Koch-Institut haben bis lang 17,5 Millionen Nutzer in Deutschland die Corona-Warn-App auf ihr Smartphone runtergeladen. Ein Stück Normalität wurde durch all diese Maßnahmen zurückerobert.

Viele fahren wieder zur Arbeit, Schulen und Kitas nahmen den Regelbetrieb nach den Sommerferien wieder auf. Dort versucht man, mit einer Mischung aus Hygieneauflagen und Lockerungen das tägliche Angebot aufrecht zu erhalten und einen erneuten Lockdown zu verhindern. Derweil nutzen andere die wiedergewonnene Freiheit, um ihrem Unmut über Corona und die damit verbundenen Einschränkungen Luft zu machen, indem sie zu Demonstrationen gehen. Bei solchen Demos wie in Berlin wird oft ganz bewusst gegen Schutzmaßnahmen verstoßen.

Sich mit anderen zusammen zu tun, um sich nicht ganz alleine und ohnmächtig zu fühlen angesichts einer für uns alle ungewohnten und krisenhaften Situation, das ist eine Art der Stressbewältigung. Dass bei solchen Zusammenkünften aber bewusst auf Hygieneauflagen verzichtet und die Ansteckung anderer sowie die Gefährdung der eigenen Gesundheit in Kauf genommen wird, das halte ich für einen grenzenlosen Egoismus, der wie ein Virus um sich greift und in unserer Gesellschaft Form annimmt. Wenn Fallzahlen wieder steigen, die Pandemiekurve in die Höhe schnellt, gefährdet das die wiedergewonnene Normalität für alle Menschen.

Wer seine Freiheit ausleben will, dabei aber die Freiheit anderer gefährdet, der hat offensichtlich nicht verstanden, dass auch in diesem Bereich Grenzen sind. „Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt.“, mahnt der Philosoph der Aufklärung, Immanuel Kant (1724-1804), und der Volksdichter Matthias Claudius (1740-1815) fügt an: „Die Freiheit besteht darin, dass man alles das tun kann, was einem anderen nicht schadet.“ Drohender formuliert es Johann Jacoby (1805-1877), ein Anhänger der Märzrevolution von 1848/49 und Mitglied der demokratischen Bewegung Preußens: „Nur wer die Freiheit anderer achtet, ist selbst der Freiheit wert.“

Dass Versammlungen in Zeiten von Corona stattfinden, auch das verdanken wir dem Erfolg der Schutzmaßnahmen, an die sich die allermeisten halten. Wer aber sein Recht auf freie Meinungsäußerung bei Demonstrationen nutzen will, der möge darauf achten, mit wem er sich in eine Reihe stellt. Der Demokratie feindlich gegenüberstehende Organisationen und Gruppen nutzen die emotional unsichere Stimmung, um ihre eigenen Themen ins Spiel zu bringen und für sich eine Bühne zu finden. Das Ziel solcher Strömungen ist nicht, die Mitbestimmung des Volkes zu stärken, sondern die demokratische Staatsform aufzulösen und eine Diktatur zu errichten, wie sie 1933 schon einmal in Deutschland begann. Diese Herrschaft kostete Millionen von Menschen das Leben und hat die Welt durch einen Krieg ins Unglück gestürzt. Wer Irrlichtern folgt, der soll sich nicht wundern, wenn er sich im Dunkeln wiederfindet.

Da schaue ich doch lieber auf die Kerzen in unseren Kirchen. Auch hier dürfen Menschen zusammenkommen, weil Gottesdienste unter bestimmten Schutzmaßnahmen möglich sind. In unseren Gemeinden werden wir die Gotteshäuser ab September wieder öffnen. Dabei gelten die von der Kirchleitung empfohlenen und von den Kirchenvorständen beschlossenen Bestimmungen, die hier im Gemeindebrief abgedruckt sind. Weil die Hygieneregeln einen höheren Personalaufwand benötigen, werden Gottesdienste von nun an im vierwöchigen Rhythmus abwechselnd in den Orten stattfinden. Auch wenn wir bei diesen Feiern auf manches, das wir gewohnt sind, verzichten müssen, miteinander beten, Worte der Bibel, Predigt und Musik hören dürfen wir. Ich freue mich, Sie bei einer dieser Zusammenkünfte wiederzusehen!

Es grüßt Sie herzlich

Ihre Gemeindepfarrerin Anja Krollmann