Vorwort Herbst 2016

Liebe Leserin, lieber Leser, 

die Traubenernte ist gekommen. Winzer fahren mit ihren Lesemaschinen durch die Weinberge. Bald zieht der Duft von gegorenem Most durch die Dörfer. Erzeuger preisen auf Hinweisschildern  Federweißen an, Weinfeste werden gefeiert. Das alles gehört zum rheinhessischen Leben. 

Das Vorwort zum Gemeindebrief schreibe ich dieses Mal nicht in Rheinhessen, sondern in einer anderen Gegend. Hier gibt es keine Weinberge, sondern Wälder, Felder, Maare und eine Klinik. In dieser Klinik werden Suchtkranke behandelt, die den medizinischen Entzug von Alkohol, Medikamenten, Drogen hinter sich haben und die nun lernen, ohne Abhängigkeit mit ihrer Sucht zu leben. 

Die erste Woche meiner Studienzeit liegt hinter mir. In dieser Woche nahm ich an Gruppentherapie und Einzelgesprächen teil, habe Vorträge über Rückfallprävention und gesünderes Leben gehört, besuchte Team-Sitzungen der Therapeuten, Ärzte, Psychologen, Krankenschwestern, habe an Übungen der Körperwahrnehmung und Achtsamkeits-Training teilgenommen. Kurz, ich habe Einblick bekommen in verschiedene Bereiche der Klinik, in die Arbeit mit Suchtkranken wie in den Umgang Betroffener mit ihrer Krankheit. 

Ich lernte Menschen kennen, die schwerst depressiv oder ängstlich sind, die einen Schicksalsschlag erlitten haben, der ihnen sprichwörtlich den Boden unter den Füßen weggezogen hat, die von Alkohol, Medikamenten, Drogen abhängig wurden, oft weil sie versucht haben, Gefühle damit zu betäuben, eine Krise zu bewältigen, Herr ihrer Lage zu werden. 

Von Mitteln, von denen sie sich Hilfe erhofften, sind sie krank geworden. Oft war es aber auch ein über die Jahre hinweg schleichender Prozess. Aus dem Feierabendbier oder dem Glas Wein zum Essen wurde mehr, entwickelte sich fast unbemerkt die Sucht. 

Wenn sie den medizinischen Entzug hinter sich haben, lernen die Patienten in der Klinik, eigene Stärken (wieder) zu entdecken und gesunde Hilfsangebote anzunehmen, mit Problemen anders umzugehen, einen Neueinstieg ins Leben zu finden. Frei von ihrer Erkrankung werden sie nie. In der Klinik geht es darum zu trainieren stärker zu sein als das Verlangen, das richtige Verhalten im Suchtdruck zu üben, sich die Rückfallgefahr und Situationen, in denen dieser Druck entsteht, bewusst zu machen und offensiv und ehrlich mit der Erkrankung umzugehen. 

Das geschieht zunächst bei den Betroffenen selber. Aber auch das Verhalten der anderen ist wichtig. Den Erkrankten hilft es, wenn andere ehrlich und verständnisvoll mit der Krankheit umgehen, wenn das „Nein" zum Suchtmittel akzeptiert wird und sie in ihrer Abstinenz Unterstützung finden. 

Hilfe im Alltag geben Selbsthilfegruppen wie die der Anonymen Alkoholiker oder des Kreuzbundes. Bei deren Treffen begegnen sich abstinent Lebende und solche, die noch auf dem Weg zur Abstinenzentscheidung sind. Dort kommen sie miteinander ins Gespräch, finden Betroffene für die Erkrankung und deren Folgen Verständnis. 

Privat und beruflich hat sich das Umfeld kaum geändert. Familie, Freunde, Nachbarn, Kollegen, Vereinskameraden bleiben dieselben. „Oft wollen die nur, dass du wieder funktionierst.“, erklärt ein Patient. „Über die Krankheit wollen sie nicht reden.“ Diese wird tabuisiert. Das heißt: Jeder weiß es, aber keiner spricht darüber. Dabei kann es helfen und erleichternd sein, wenn kein Geheimnis darum gemacht wird. Sucht ist kein Makel, sondern eine Krankheit, die zeitlebens anhält. Alkoholiker, die in Weinanbaugebieten abstinent sind, verdienen den größten Respekt. Denn hier gehört - wie in den meisten Gegenden Deutschlands - Alkohol nicht nur zum gesellschaftlichen und kulturellen Leben, sondern ist auch ein wirtschaftlicher Faktor. Zu fast jedem Anlass werden Alkoholika gereicht. Es gibt sie bei Familienfeiern, Vereinstreffen, Grill- und Gartenpartys, Empfängen, Jubiläen, Geschäftsessen, Trauerkaffee, Klassentreffen und Seniorennachmittagen. 

Dass wir uns in den Ev. Kirchengemeinden im Kettenheimer Grund entschieden haben, beim Abendmahl alternativ auch Traubensaft anzubieten, halte ich für einen ersten wichtigen Schritt, durch den allen der uneingeschränkte Zugang zum Abendmahl in beiderlei Gestalt (mit Brot und Rebensaft) möglich wird. Um auch den Suchtkranken in unseren Gemeinden gerecht zu werden, reicht es jedoch nicht, Traubensaft anzubieten und anschließend den Kelch für den weiteren Verlauf des Abendmahls mit Alkohol zu desinfizieren. Wir loben uns hier einer Inklusion, die inkonsequent ist. 

Konsequent und im christlichen Sinne „Kirche für alle“ werden wir, wenn wir auf das Desinfizieren des Traubensaftkelchs mit Alkohol verzichten oder Einzelkelche einführen, was auch denen entgegenkommt, die keinen Gemeinschaftskelch möchten. Als Gemeindepfarrerin setzte ich mich dafür ein, dass auch trockenen Alkoholikern die Teilnahme am Abendmahl in beiderlei Gestalt in unseren Gemeinden in Zukunft möglich wird. 

 

Es grüßt Sie herzlich 

Ihre Gemeindepfarrerin