Vorwort Sommer 2017

Liebe Leserin, lieber Leser,

er ist so groß wie ein erwachsener Mensch mit menschenähnlichen Proportionen. Sein Gesicht hat Augen, Augenbrauen, Nase, Mund, und er kann kommunizieren. Doch er ist eine Maschine. Seine Stimme kommt mechanisch-monoton aus Lautsprechern. Sein Kopf besteht aus weißem Plastik. Die Augen wirken wie zwei Kameraobjektive, die, wenn er gestartet ist, nach rechts und links drehen. Die Augenbrauen, die sich beim Interagieren auf und ab bewegen, sind aus schwarzem Kunststoff. Der aus optischen Gründen für den Betrachter eingebaute Mund ist ein schwarzer Bildschirm, in dessen Mitte zwei waagrechte rote Linien sich während der Aktion lippenartig öffnen und schließen. 

Anstelle der Nase hat er ein Lämpchen, das, wenn es in Betrieb ist, die Farbe wechselt. Sein Körper wurde aus silbernem Stahl konstruiert mit elektronisch beweglichen Armen und Händen. Auf Höhe des Brustkorbs hat er einen Bildschirm mit Touch- screen ähnlich einem Bankautomaten. Das ist das Aussehen von BlessU2, dem Roboter, der seit 20. Mai 2017 in Wittenberg auf der Weltausstellung der Reformation zu sehen ist. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hat ihn dort aufgestellt. Und was kann der Roboter? Segnen - behaupten die Initiatoren. Denn dazu wurde der Computer gebaut. Wer zu ihm kommt, der kann es erleben: 

Ein Mensch tritt vor die Maschine. Auf dem Bildschirm sind sieben Länderfahnen abgebildet entsprechend den Sprachen, in denen BlessU2 kommuniziert. Per Druck auf den Touchscreen wird die Sprache ausgewählt. „Herzlich willkommen!“, tönt es aus der Maschine. Dann fragt sie: „Möchten Sie von einer weiblichen oder von einer männlichen Stimme gesegnet werden?“ Auf dem Bildschirm erscheinen zwei Symbole, anhand derer eines der Geschlechter ausgewählt wird. Danach werden Lebensthemen angeboten: Ermutigung, Erneuerung, Begleitung. Möglich ist auch ein traditioneller Segen wie man ihn im Gottesdienst hört. Hat man sich für ein Themenfeld entschieden, wird im Display ein vom Computer ausgewählter Segenstext zu lesen gegeben. Lippen und Augenbrauen des Roboters bewegen sich, während der Text erscheint, um Freundlichkeit zu signalisieren. 

Die künstlichen Arme heben sich nach oben, Handflächen öffen sich wie zu einer Segensgeste. Kleine Lämpchen leuchten aus den Handflächen hervor, scheinen auf den, der unter ihnen steht. Danach ist der Segenstext zu hören. Ist der Text gesprochen, senken sich die Arme des Roboters, die Lämpchen gehen aus, das Segnen ist zu Ende. „Geh hin im Frieden Gottes!“ schallt es aus der Maschine. Dann fragt sie, ob man den Segen ausgedruckt haben will. Jetzt hat man die Möglichkeit, Ja oder Nein zu wählen. „Danke für ihren Besuch und auf Wiedersehen!“ tönt es abschließend. Gleiches ist auf dem Display zu lesen. So agiert BlessU2 - die provozierende Installation auf der Weltausstellung in Wittenberg, ein Beitrag unserer Landeskirche. Man wolle zum Diskurs anregen, heißt es. Hierzu eine Stellungnahme der EKHN: 

„Was passiert, wenn traditionsreiche liturgische Handlungen der Kirche auf eine zunehmend automatisierte und digitalisierte Welt treffen? Erkennbar ist schon jetzt: Die Auseinandersetzung mit der Künstlichen Intelligenz (KI) wird immer dringlicher. So übernehmen Roboter seit vielen Jahren Aufgaben in der industriellen Fertigung. Längst wird daran gearbeitet, dass sie dies auch im häuslichen Bereich und sogar in der Pflege tun. Es mag heute noch fremd anmuten, aber künftig könnten Roboter zuverlässige und womöglich unverzichtbare Alltagsbegleiter vieler Menschen sein, zu denen sie sogar eine emotionale Beziehung aufbauen. Wäre es eines Tages vorstellbar, dass Robotern auch geistliche Qualitäten zugebilligt werden? Warum sollte ein auf dem Medium Papier gedruckter Haussegen, wie er in vielen christlichen Häusern seit Jahrhunderten hängt, wirkmächtiger sein als das Segenswort eines Roboters, der einem beim Verlassen der eigenen Wohnung mit angenehmer, wenn auch elektronisch erzeugter Stimme ein Segenswort zuspricht?“ 

So fragen die Initiatoren der Segensmaschine und betonen, man wolle mit ihr einen notwendigen und wichtigen Diskurs fördern, indem man die beiden Welten Maschine und Mensch bewusst zusammenbringt und die Gäste der Weltausstellung mit dem Automaten unterhaltsam-provokant an die Thematik heranführt. Als Anregung ist neben BlessU2 ein ganzer Fragenkatalog im Ausstellungsraum zu finden:

„Was ist eigentlich Segen? Wer darf segnen? Wann und wie wirkt ein Segen? Kann Gott auch durch einen Roboter segnen? Welche Aufgaben sollen/dürfen Roboter übernehmen? Wie bewerten wir Digitalisierung und Künstliche Intelligenz ethisch? Können Maschinen beziehungsfähig werden? Wie wird sich die Gesellschaft durch die Automatisierung verändern? Was bedeuten diese Entwicklungen für den Glauben und die Kirche? Wie könnte die Kirche ihre Segenspraxis in eine digitale Zukunft hinein weiterentwickeln?

Ein Bildschirm neben BlessU2 lädt dazu ein, im Ausstellungsraums noch einen Kommentar zur Segensmaschine und dem Erlebnis mit ihr zu hinterlassen, der (nach redaktioneller Sichtung) als Fließtext neben der Installation am nächsten Tag veröffentlicht wird.  

Ob nun ein Roboter, der seelenlos Segenstexte für Menschen auswählt wie die Wahrsagemaschine auf dem Jahrmarkt überhaupt einen ernstzunehmenden Gedankenanstoß für ein Gespräch über die Bedeutung des Segens bietet, und ob sich die Initiatoren von BlessU2 mit ihrer unterhaltsam-provokanten Installation nicht selbst theologisch ins Aus schießen, das bleibt wohl die Frage, die es neben all den anderen Fragen im Ausstellungsraum unserer Landeskirche zu klären gilt. 

Segen - das ist ja was Mensch und Tier, einzelnen und Völkern von Gott zugesprochen wird, um das Leben zu bewahren und zu fördern. Dieser Zuspruch wird in Erzählungen der Bibel manchmal direkt von Gott (zum Beispiel im 1. Buch Mose, Kapitel 1, die Verse 22 und 28), oder mittelbar durch einen Engel (zum Beispiel im 1. Buch Mose, Kapitel 32, Vers 30) oder durch einen Menschen (zum Beispiel 1. Buch Mose, Kapitel 12, Vers 2) gegeben. Segen ist also immer ein Beziehungsgeschehen! Beziehung entsteht, wenn mindestens zwei dazu fähige Wesen sich begegnen, mit Gefühlen, Leben und Seele. 

Ob und wo in BlessU2 Seele und Leben sind, dies zu diskutieren, haben die Initiatoren des Roboters in ihrem Fragenkatalog nicht vorgesehen. Ebenfalls ungeklärt bleibt, wo der Erfinder des segnenden Automaten Gott eingebaut haben will. Vertrauen wir also beim Segen lieber weiterhin dem Wirken Gottes und lassen seinen Geist - wie beim Pfingstfest - hörbar und spürbar unter uns wehen!

 

Eine von Gottes Kraft inspirierte Zeit wünscht Ihnen 

Ihre Gemeindepfarrerin