Vorwort Frühjahr 2019

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

Sie kennen sicher dieses Gefühl, etwas zu vermissen und es zu suchen. Manchmal vermissen wir etwas so sehr, dass die Suche danach zur Jagd wird. Gedanklich können wir das Gesuchte nicht loslassen. Die Hoffnung, es wiederzufinden, bleibt. Vom Suchen handelt auch die Losung, die über das Jahr 2019 geschrieben steht: „Suche Frieden und jage ihm nach.“ Wir finden diesen Satz in Psalm 34, Vers 15. Wer Frieden sucht, der lebt in einer friedlosen Welt. Die ökumenische Kommission, die diesen Vers als Geleitwort für das Jahr 2019 ausgewählt hat, hatte offensichtlich genau diesen Zustand im Blick, denn friedlich ist unsere Welt wirklich nicht.

Da gibt es den Unfrieden im globalen Sinn auf der Bühne der großen Weltpolitik, wenn wir an Länder denken wie Syrien und Afghanistan, in denen nach wie vor gekämpft wird, wo tagtäglich Menschen sterben, gewaltsam ums Leben kommen. Nur wir kriegen davon kaum etwas mit, weil Medien wenig darüber berichten, oder weil wir uns schon daran gewöhnt haben, weil es uns nicht direkt betrifft. Der Krieg in solchen Ländern ist für uns weit weg. Wir kennen nur den täglichen Kampf auf den Autobahnen, wenn der kleine Fiesta vom dicken Benz durch Lichthupe, zu dichtes Auffahren und Drängeln abgedrängt wird, wenn er gezwungen wird, die Fahrspur zu wechseln oder gar den Überholvorgang abzubrechen.

Ich denke an den täglichen Krieg am Arbeitsplatz, wenn Kolleginnen zusammenglucken und über eine andere herziehen und tuscheln. Wo es eigenartig still wird, wenn die, über die geredet wird, den Raum betritt, wenn sie die Kälte und Grausamkeit in den Herzen ihrer Kolleginnen trifft. Ich denke an den Streit, der in Familien herrscht, wenn Menschen sich uneinig werden, etwa weil es ums Erben geht, wenn Verdächtigungen und Vorwürfe die Gemeinschaft entzweien. Wie oft entsteht ein Disput zwischen Eheleuten, der sich manchmal an Kleinigkeiten entzündet, wenn ein Wort das andere ergibt, wenn Worte und Taten verletzend werden. Ich denke an den unbearbeiteten Konflikt zwischen Freunden, die sich aus dem Weg gehen, anstatt offen miteinander zu reden und die Sache zu klären.

„Suche Frieden und jage ihm nach.“ Frieden ist nichts, was von selbst kommt. Frieden wird getan. Wer Frieden will, muss aufstehen und handeln, der muss aktiv sein. Die Jahreslosung 2019 betont genau diesen Aspekt, und sie verwendet dafür zwei aktive Verben. Da heißt es „suchen“ und „jagen“.

Den Begriff des Friedens mit Jagd zu verbinden, irritiert mich in dem Psalm. Ihnen geht es vielleicht so ähnlich. Bei Jagd denke ich an ein gehetztes Reh. Ich erinnere mich aber auch an die Aussage des AFD-Politikers Alexander Gauland. Beim Einzug seiner Partei in den deutschen Bundestag im September 2017 hatte er gesagt: „Wir werden sie jagen!“ Allerdings meinte er damit kein Reh, sondern die deutsche Kanzlerin.

Mit diesen Gedanken fällt es mir schwer, dem Begriff der Jagd etwas Positives abzugewinnen. Aber ich bin zu folgender Erkenntnis gelangt: Wer den Frieden jagt, der macht keine Jagd auf Menschen, der hetzt weder mit Worten, noch Taten, noch hetzt er Menschen über die Straße. Und noch etwas Positives fällt mir ein: Wer jagt, der ist mit vollem Einsatz dabei, der zeigt Engagement, Ausdauer, Eifer, und er braucht einen langen Atem. Einen langen Atem brauchen die, die sich für Frieden einsetzen, denn zum Frieden gehören immer zwei: zwei, die bereit sind, aufeinander zuzugehen, ihre Ängste und Vorurteile zu überwinden, die Waffen niederzulegen, Worte der Verständigung zu suchen, um Worte der Versöhnung zu finden. Zum Frieden braucht es die zum friedvollen Umgang bereiten Menschen. Nun setzt sich der Friedliche nicht immer durch. Das kennen wir aus eigener Erfahrung. Das sehen wir auf dem Feld der globalen Politik. Immer wieder haben kriegsführende Nationen versucht, den Frieden herbeizukämpfen. Das tun sie bis heute zum Beispiel in Syrien und Afghanistan.

Wer diese Logik hinterfragt, der wird schnell öffentlich angeklagt. So erging es der ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann. In ihrer Neujahrsansprache 2010 im Berliner Dom sprach sie die berühmt gewordenen Worte: „Nichts ist gut in Afghanistan.“ Ein Bundeswehroffizier hatte ihr zuvor geschrieben: Sie glaube wohl, sie könne mit weiblichem Charme die Taliban vom Frieden überzeugen. Daraufhin sagte Margot Käßmann in ihrer Predigt: „Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden.“ Neun Jahre später wird in diesem Land noch immer gelitten und gestorben.

„Suche Frieden und jage ihm nach.“ Wer Frieden sucht, der gibt nicht auf, der hofft, dass zumindest die Möglichkeit dazu existiert, der glaubt daran, ihn zu finden. „Wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin.“ Sie kennen diesen Satz von Jesus. Er wurde oft dafür als naiv kritisiert. Was Jesus aber sagen will, ist: Handle so, dass du dein Gegenüber irritierst. Tu was anderes als das, was er von dir erwartet, was er einkalkuliert und kennt. Nur indem du anders handelst, kannst du die Gewalt überwinden.

Ich weiß, jetzt denkt der eine und die andere: Das ist ja leichter gesagt als getan. Im Alltag funktioniert das doch nicht. Ja, liebe Leserin, lieber Leser, Frieden ist schwer. Er schafft sich nicht von selbst. Wer Frieden will, muss aufstehen und handeln. Das heißt manchmal auch, dass einer über seinen eigenen Schatten springt. Finden wir uns mit dem Unfrieden nicht einfach ab! Seien wir energisch und kreativ bei der Suche! Und vergessen wir nie: Frieden fängt mit der Sprache an. Worte haben Macht. Sie können aufrichten, aber auch hinrichten, sie können versöhnen, aber auch töten. Darum: „Nimm deine Zunge gut in acht“, rät der Psalmbeter in Kapitel 34. Setze dein ganzes Herz für Gerechtigkeit und Frieden ein und auch deine Gebete. Wenn du das tust, wirst du die wunderbare Erfahrung machen, dass es sich lohnt, diesem Ziel nachzujagen, weil Frieden glücklich macht, weil es sinnvoll und erfüllend sein kann, sich für ein friedvolles Miteinander stark zu machen.

Frieden, das bedeutet nicht, dass man nicht streiten darf. Auch in unseren Gemeinden und unserer Landeskirche wird oft und gerne diskutiert. Hier darf jeder sagen, was er denkt, darf jede ihre eigene Meinung vertreten. Die Frage ist nur, wie gestritten wird: eskalierend oder mit der Möglichkeit zum Kompromiss, respektvoll oder grenzenlos, ohne Rücksicht und die Achtung vor dem anderen, der anderen? „Suche Frieden und jage ihm nach.“ 

Liebe Leserin, lieber Leser, wir wissen nicht, in welche Situationen wir kommen werden, vor welche Herausforderungen uns das Leben stellt. Aber wir können darum beten, dass Gott uns hilft, die richtigen Worte zur rechten Zeit zu finden. Bitten wir darum, dass Gottes Geist uns die Kraft für ein gutes Miteinander gibt. Vertrauen wir uns ihm an. In Jesus Christus macht er sich mit uns auf den Weg. In ihm haben wir Gottes Beistand, sein Vorbild, seine Hilfe.

 

Es grüßt Sie herzlich Ihre Gemeindepfarrerin