Vorwort Winter 2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

eine orientalische Szene ziert die Vorderseite unseres Gemeindebriefs. Eine Karawane zieht durch die Wüste. Es ist Nacht. Am Himmel funkeln Sterne. Einer davon ist besonders schön, anders und auffälliger als die anderen. Sein langer Schweif zeichnet ihn als Kometen aus. Die Flugbahn dieses Himmelskörpers korrespondiert mit der Richtung, in die die Reisenden gehen. „Die drei Könige aus dem Morgenland“ – so hat der Maler dieses Bildes, Paul Hey, sein Werk genannt. Der Titel erinnert an die Überlieferung aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 2. In ihr berichtet der Evangelist:

Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten. Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1): »Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.«

Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und schickte sie nach Bethlehem und sprach: „Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr's findet, so sagt mir's wieder, dass auch ich komme und es anbete.“ Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und da ihnen im Traum befohlen wurde, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem andern Weg wieder in ihr Land.

Matthäus ist der einzige Evangelist, der die Reise der Weisen aus dem Morgenland im Zusammenhang mit der Geburt Jesu erzählt. Dass sie Könige sind, wird nicht erwähnt. Im griechischen Originaltext ist von „magoi“ die Rede. Luther übersetzt „Weise“. Offenbar handelt es sich um Wissenschaftler, die die Sterne erkunden. Astronomie und Astrologie haben ihren Ursprung im Orient vor 3000 Jahren. In Babylon, der Hauptstadt des babylonischen Reiches, hatte König Nebukadnezar für die Beobachtung der Himmelskörper einen Turm errichten lassen. Im 1. Buch Mose, Kapitel 11 ist er Teil der biblischen Überlieferung. Als „Turmbau zu Babel“ ging er in die Geschichte ein. Im biblischen Text wird er als Ergebnis menschlichen Hochmuts und Gotteslästerei beschrieben. Dass das babylonische Bauwerk im Alten Testament so gewertet wird, ist nicht verwunderlich, denn Israel und Babylonien waren Feinde. Was kann aus Babel also Gutes kommen? 

Auch die Anzahl der Weisen wird bei Matthäus nicht erwähnt. Dass es drei sind, schloss man später aus der Anzahl ihrer Geschenke. Diese haben eine symbolhafte Bedeutung: In der Antike kennt man die Zeremonie, dass der König mit einem Goldkranz geehrt wird. Gold ist das Geschenk für einen Herrscher. Es weist Jesus als König aus. Das Harz des Weihrauchbaums, das im Jerusalemer Tempel verbrannt wurde, dient der Reinigung, Verehrung und dem Gebet. Traditionell erscheint Gott in einer Wolkensäule oder im Feuer, etwa im 1. Buch Mose, Kapitel 13. Weihrauch zeigt die Göttlichkeit Jesu. Myrrhe ist der Saft aus der Rinde eines Baumes, der medizinisch angewandt zum Beispiel entzündungshemmend wirkt. Im Matthäusevangelium symbolisiert diese Gabe, dass Jesus der Heiland ist. In der Antike hat man Leichen mit dem duftenden Saft einbalsamiert. Die Myrrhe kann auch auf den Tod Jesu hindeuten.

Einzig bei Matthäus findet sich die Erwähnung eines Sterns, dem die Weisen folgen. Vermutlich entstand das Evangelium in Syrien, das in unmittelbarer Nachbarschaft zu Babylonien, dem heutigen Iran liegt. Auch in Syrien kannte man die wissenschaftliche Erforschung der Himmelskörper, die Astronomie, sowie die Deutung der von Menschen benannten Sternbilder, die Astrologie. Aus bestimmten Konstellationen der Planeten lasen Wissenschaftler Botschaften der Götter für den König ab. Was im Himmel abgebildet wurde, das fand man auf der Erde wieder. Wie wird die nächste Ernte? Müssen wir in den Krieg ziehen? Sinken die Flusspegel?Und wann wird das sein? – All das waren Fragen, auf die sich die Astrologen des Alten Orients Antworten erhofft haben. Dass Matthäus die Weisen von einem Stern geleitet ihren Weg  finden lässt, ist ein weiterer Hinweis auf die Göttlichkeit Jesu und seine Bedeutung als König.

Was die Wissenschaftler aus dem Osten leitet, ist aber nicht nur ein Himmelskörper, sondern auch eine Verheißung, die ihnen aus dem Buch des Propheten Micha, Kapitel 5, Vers 1 gegeben ist: »Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. « Weil die Weisen dieser Verheißung vertrauen, machen sie sich auf den Weg, kommen in Bethlehem an, finden den neugeborenen König, bringen ihm Geschenke und beten ihn an, heißen ihn in dieser Welt willkommen. Dass sie dem Ansinnen des Herodes nicht folgen, sondern auf einem anderen Weg wieder heimkehren in ihr Land, das wirkt Gott selbst. In einem Traum weist er die Sterndeuter an, Herodes zu meiden.

Jesu Leben wird gerettet. Vor Intrigen und der Machtbesessenheit des irdischen Herrschers bleibt es verschont. Jesu Weg mit Gott hat gerade begonnen. Tatsächlich wird er heilsam sein für viele Menschen. Der Welt wird er den Frieden bringen, so sie sich an ihn hält und sein Wort zu Herzen nimmt, das von der Menschenliebe und von der Gottesliebe, ja sogar von der Feindesliebe und vom Verzeihen erzählt.

Jedes Jahr im Advent machen Menschen sich bewusst auf den Weg zu Gott. Sie stellen sich innerlich auf das Kommen des Gottessohnes ein. Wie die Sterndeuter haben sie eine Prophezeiung im Blick. Es sind Worte der Bibel, die ihnen Orientierung geben, segensreiche Verheißungen wie diese: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel. Das bedeutet: Gott ist mit uns. (Jesaja, Kapitel 7, Vers 14). Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. (Jesaja, Kapitel 9, die Verse 1, 5 und 6). 

Eine von Gottes Gegenwart erfüllte Zeit

wünscht Ihnen Ihre Gemeindepfarrerin