Predigt zum Erntedankfest am 4.10.2009

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott,
unserem Vater, und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.  

Liebe Festtagsgemeinde,

ich habe Ihnen einen Korb verschiedener Früchte mitgebracht.  
Es sind Früchte, die hier in Rheinhessen wachsen.

Erntedank ist in unserer ländlichen Region ja wirklich
ein Fest des Dankens für Obst und Gemüse.

Viele von uns haben sie im Garten oder auf dem Feld,
wir sehen sie keimen und wachsen.

Lebensmittel – in einem allumfassenden Sinn –
sind jedoch mehr als Speise und Trank.

Lebensmittel bezeichnet auch das andere,
was zum Leben dazugehört,
alles, was lebensnotwendig und lebensförderlich ist.

Darum möchte ich bei meiner Predigt
nicht nur die Früchte aus dem Korb auspacken.

Ich möchte mit Ihnen auch bedenken,
was über diese Früchte hinausgeht,
wofür ein Mensch darüber hinaus danken kann.

Bei einem gemeinsamen Abend der Frauenkreise Freimersheim und Kettenheim
haben wir zu jeder Frucht Eigenschaften gesammelt.

Und dann haben wir darüber nachgedacht,
was jede Frucht in diesem Korb mit unserem Leben zu tun hat.

Da gab es von den Frauen ganz pragmatische Gedanken,
Informationen darüber, wozu die Früchte gut sind,
welchen Nutzen, welche Wirkung sie haben.

In einem weiteren Schritt habe ich dann überlegt,
an welche Lebensgeschichten so eine Frucht erinnert,

für welche Seite des Lebens sie stehen,

welche Erfahrungen, Gefühle, Situationen
sie symbolisieren kann.

Auch diese Geschichten des Lebens gehören mit zum Erntedank.

Zu Bedenken, was uns im Leben geschenkt wurde,
was wir an schwierigen Situationen überstanden haben
-- aus eigener Kraft oder auch mit Hilfe anderer --
auch das kann dankbar machen.

Ich lade Sie ein, diese Früchte mit mir gemeinsam zu betrachten.

Ich beginne mit dem Apfel.
Es ist ein schöner, großer, rotbackiger Apfel.
Er riecht süß, fruchtig und frisch.
Allein vom Geruch läuft mir das Wasser im Mund zusammen.
Sicher schmeckt er wie er riecht: süß und frisch.

Viele Gerichte lassen sich aus einem Apfel machen:
Kuchen, Gelee, Brei, Bratapfel, Apfelwein, -essig, Apfelsaft.

Gesund ist er zudem: Er enthält viele Vitamine,
ist gut für die Zahnreinigung,
das Zahnfleisch wird beim Kauen massiert.

Ein englisches Sprichwort sagt:
„One appel a day, keeps the doctor away.“

„Iss einen Apfel am Tag,
und du brauchst keinen Arzt.“

Der Apfel – so saftig und süß –
steht für die schönen Erfahrungen des Lebens,
für alles, was gut tut, Kraft und Energie gibt.

Vielleicht fällt Ihnen dazu ein eigenes Erlebnis ein,
etwas, das in diesem Jahr gut für Sie war,

was Ihnen Kraft gegeben hat,
wo jemand hilfreich für Sie war,

Sie etwas Schönes erlebt haben.
Für all diese Erlebnisse steht der Apfel.

Manches im Leben ist dieses Jahr hart oder anstrengend gewesen.

Dafür habe ich eine Nuss mitgebracht.
Die Nuss hat eine harte Schale.

Es braucht Kraft, sie zu knacken.
Auch manches im Leben braucht Kraft:

Anforderungen im Beruf, Angst um den Arbeitsplatz,
Streit zwischen Menschen,
festgefahrene Überzeugungen,
Fragen oder Probleme, die niemand lösen kann.

Über Menschen heißt es manchmal auch:
„Er hat eine raue Schale, aber einen weichen Kern.“

Für die Nuss ist die Schale lebensnotwendig,
mit der Schale schützt sie ihren Kern davor,
verletzt oder gar zerstört zu werden.

Gesund ist die Nuss auch:
Ihr Kern enthält Lecithin.

Lecithin ist gut, um unsere Denk-
und Konzentrationsfähigkeit zu fördern.

Nusskerne verwenden viele zum Backen,
sie geben Geschmack in Kuchen und Kekse.

Die Nuss steht für die Härte,
für alles Kraftzehrende des Lebens,

sie steht aber auch für alles, was uns schützt davor, verletzt oder zerstört zu werden.

Sie steht für die Kraft raubenden,
aber auch für die Leben bewahrenden Geschichten.

Eine andere Frucht, die ich Ihnen mitgebracht habe,
ist die Zwiebel.

Die Zwiebel ist scharf im Geschmack.
Ihr Geruch bringt viele zum Weinen.

Die Zwiebel ist nicht jedermanns Sache.

Manche essen sie gar nicht oder geben das Schälen der Zwiebel,
diese Tränen treibende Arbeit,
lieber an andere ab.

Gesund ist die Zwiebel dennoch:
Sie ist sehr vitaminreich.

Ihr Saft zieht Insektengift aus der Haut.
Zwiebeltee hilft bei Erkältung.

Geröstet, gebraten oder gekocht würzt sie unser Essen.

Die Zwiebel steht für all die Seiten des Lebens,
die uns zum Weinen bringen,
für alles, was uns angreifen kann.

Sie steht aber auch für die Geschichten,
in denen wir Linderung erfahren oder heil geworden sind.

Oft gehört beides zusammen:
Weinen und Linderung, Schmerz und Heilung.

Als letztes habe ich Ihnen eine Kartoffel mitgebracht.

Sie ist vom Essenstisch der meisten kaum wegzudenken.

Menschen essen sie als Püree, Kloß, Krokette,
gebraten, gedämmt, gerieben, gekocht,
mit oder ohne Schale als Pell- oder Salzkartoffel.

Sie ist auch beliebt als Pommes frites oder Chips.

Kartoffeln enthalten Stärke.
Mit ihnen werden Soßen und Suppen angedickt.

Kartoffeln schmecken nicht nur den Menschen gut,
sie werden von Schweinen liebend gerne verzehrt.

Vitaminreich ist sie zudem.

Wer krank ist, legt sich bei Halsschmerzen auch eine
warme Kartoffeln auf.

Columbus hat die Kartoffel aus Südamerika mitgebracht,
es gibt sie bei uns erst seit dem 15 Jahrhundert.

Friedrich der Große, der König von Preußen,
hat sie gegen die Hungersnot Flächen deckend anbauen lassen.

Damit wurde vielen Menschen das Leben gerettet.

Kriegsheimkehrer wurden mit Kartoffeln zu Kräften gebracht.

Als diese Frucht noch neu war in Europa,
aßen Menschen, die sich mit ihr nicht auskannten,
die giftigen Früchte der Blüten und wurden krank..

Andere versuchten die ungenießbaren Blätter.

Erst mit der Zeit lernten die Menschen,
die Knolle unter der Erde zu schätzen,

also ausgerechnet den Teil der Kartoffel,
der für uns nicht offensichtlich ist.

Bei mir steht die Kartoffel für alles,
was uns im Leben verborgen ist,

was wir nicht sehen oder verstehen können,

sie steht auch für das, was sich im Leben entdecken
oder ans Licht bringen lässt:

schlummernde Talente z. B., Begabungen, Fähigkeiten.

Die Kartoffel steht außerdem für den Glauben
der Menschen.

Gerade da, wo wir nicht sehen, nicht wissen,
fängt Glauben an.

Heute sehen wir Früchte aus Feld und Garten,
und doch ahnen wir vielleicht,
dass dahinter mehr steckt als wir sehen:

eine Kraft, die wachsen und reifen lässt,

nicht nur durch das Zusammenspiel von Regen, Sonne, Mensch und Natur.

Manche glauben auch an die liebevolle Kraft
eines Schöpfers, mit der Gott wirkt.

Sicher lassen sich zu diesen noch weitere Früchte hinzufügen,
aber mein Korb ist leer.

Mit diesen Früchten haben wir uns an Geschichten erinnert,
durch die das Leben für uns reich und schön ist.

Manchmal sind es auch Geschichten,
in denen das Leben hart und anstrengend ist.

Nicht immer haben die Situationen, die wir erlebt haben,
uns den Glauben an Gott leicht gemacht.

Und doch spüren wir,
dass wir auch diese Geschichten überstanden haben,

dass eine Kraft uns zukam, die uns geholfen hat,
durch schwere Zeiten hindurch zu kommen.

Nicht immer können wir die Quelle dieser Kraft
in uns oder in anderen fest machen,

weder können wir sie sehen, noch erwarten.

Und doch erkennen wir, wenn wir uns erinnern,
dass da eine Kraft kam.

Diesen Reichtum des Lebens,
die Früchte aus Feld und Garten,
die Kraft, die uns zugeflossen ist, wahrzunehmen,
all das kann dankbar machen.

Vielleicht nehmen Sie sich Zuhause noch etwas Zeit,
ein paar weitere Früchte zu betrachten.

Vielleicht fällt Ihnen zu der ein oder anderen Frucht auch eine Geschichte ein.

Vielleicht schmücken Sie mit diesen Erinnerungen Ihren eigenen inneren Erntedankaltar,

danken Gott für alles, was Sie in diesem Erntejahr beschützt und bewahrt hat,

was Sie gefordert hat,
und wo Sie sich einbringen konnten
mit Ihren Gaben und Fähigkeiten,

danken für alles, wo sie heil geworden sind,
was Sie überstanden und gemeistert haben,

für alle Erfahrungen,
die das Leben für Sie reich und schön macht.

Feiern Sie weiterhin Erntedank!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.