Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis am 5.7.2009

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott,
unserem Vater, und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.  

Liebe GD-Gemeinde,

„kann ein Blinder einen Blinden führen?“

so hat Jesus seine Jünger gefragt.

Ich weiß nicht,
was Sie auf seine Frage antworten würden.

Tatsächlich gibt es Blinde,
die Blinde führen.

Eine von ihnen, heißt Silvia.
Silvia ist von Geburt an blind.

In Hamburg arbeitet sie in einem Restaurant,
in dem es immer dunkel ist.

Am Eingang dieses Restaurants
begrüßt sie neue Gäste.

Ihre Aufgabe ist es, die Ankommenden
ins Restaurant hinein zu führen.

Dazu müssen sich die Gäste hintereinander aufstellen,
eine Hand wird auf die Schulter des Vorderen gelegt,

dann zieht die Kolonne durch mehrere Räume hindurch
ins Dunkel hinein,

bis in den Gastraum, der so finster ist,
dass keiner mehr sehen kann.

An der Spitze der Gruppe geht Silvia,

sie kennt sich – auch ohne zu sehen –
im Restaurant gut aus,

sie kann sich dort orientieren;
die Gäste können es nicht.

Unsicher, ein bisschen ängstlich,
tasten sie sich nach vorne.

Dann lässt Silvia die Gruppe anhalten.

Sie bittet zu warten,
bis sie jeden einzelnen zu seinem Platz führt.

Besteck, Gläser, Teller –
alles müssen die Gäste selbst erspüren,
auch das Essen findet im Dunkeln statt.

Blind sind die Kellner und auch die Servierer.

Dieses Restaurant zeigt:
Blinde können Blinde führen.

Zumindest in diesem speziellen Fall.

Aber sicher hatte Jesus so ein Restaurant
nicht im Blick, als er damals fragt:

Kann ein Blinder Blinde führen?
Jesus spricht von anderen Blinden.

Dieses Blindsein, das Jesus meint,
kommt auch bei Menschen vor,
die mit ihren Augen sehend sind.

Jesus blickt auf die Menschen,
wie sie sich verhalten.

Und mit diesem Verhalten seiner Mitmenschen
hat er schon einiges erlebt:

Da ist zum Beispiel einer gewesen,
der konnte von Geburt an nichts sehen –
der war körperlich blind wie Silvia.

Und Jesu Jünger haben gefragt:
„Meister, wer hat da gesündigt,
wer ist Schuld daran, dass dieser blind geboren ist:
Er oder seine Eltern?“

Blindsein, Krankheit als Gottesstrafe.

Jesu Antwort auf diese Meinung ist deutlich. Er sagt:
„Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern.“

Dann nimmt er die Krankheit des Blinden zum Anlass,
seinen Mitmenschen etwas über Gottes Gnade beizubringen:

Und er tut das, indem er heilt.
Den einen heilt er von seiner körperlichen Blindheit;

bei den anderen heilt er den Geist,
er heilt sie von Aberglauben und Vorurteil.

Gleichzeitig führt er den Blinden durch seine Heilung
in die Gemeinschaft der gesunden Menschen ein.
Jeder körperlich Blinde galt damals als unrein.

Wer krank war,
durfte weder den Gottesdienst besuchen,

ihm wurde also der Kontakt zu Gott verwehrt,

noch durfte er in Gemeinschaft mit anderen,
kultisch als rein geltenden Menschen sein.

Jeder von uns, der schon einmal von seinen Mitschülern ausgegrenzt,
im Schulhof an den Rand gestellt worden ist,

der, weiß, wie sich der Blinde gefühlt haben muss,
wie es ihm ergangen ist, bevor Jesus zu ihm kam.

Nun könnte die Geschichte vom ehemals Blinden
ein happy end haben,

aber die Geschichte geht weiter:
Als die Nachbarn des ehemals Blinden sehen,
dass er geheilt ist,

wundern sie sich und fangen an, über ihn zu reden.
Sie freuen sich nicht über seine Heilung.

Sie merken nur, dass ihr Wertesystem durcheinander ist.

Und nach diesem Wertesystem hätte der ehemals Kranke für sie krank bleiben müssen,

trug er doch – ihrer Ansicht nach – mit der Krankheit
nur die Folge irgendeines sündhaften Handelns,

so dass er oder seine Eltern sein Blindsein als Strafe verdient haben.

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf,
haben sie ihn zu den Pharisäern gebracht,

jetzt sollten die Schriftgelehrten, die Frommen
über ihn urteilen.

Der Geheilte wird nicht als Mensch,
sondern als Fall behandelt.

Und die Pharisäer spielen mit. Sie fragen:
„Wer hat dich denn sehend gemacht?“

Nicht dass sie durch ihn einen Arzt finden möchten,
der Menschen tatsächlich heilen kann.

Nicht dass sie damit anderen etwas Gutes tun möchten.

Anderes ist ihnen wichtig:
Die Heilung geschah am Sabbat.

Und – das weiß jeder Fromme –
am Sabbat ist eine Heilung nicht gestattet.

Was die Pharisäer interessiert, ist:
Welcher Heiler hat gegen Gottes Gebot gehandelt?

Der Geheilte antwortet wahrheitsgemäß auf ihre Frage:

„Ich habe ihn nicht gesehen. Er hat mir einen Brei
auf die Augen geschmiert, und als ich mich wusch,
wurde ich sehend.“

Einige der Pharisäer meinen:

„Der Mensch, der geheilt hat,
ist nicht von Gott gesandt,
sonst hätte er sich an den Sabbat gehalten.“

Andere sagen:

„Ein sündiger Mensch könnte nicht heilen.
Der Heiler muss von Gott gesandt sein.“

An der Frage, ob der Heiler ein Sünder ist
oder von Gott gesandt, streiten sich die Pharisäer.

Der Geheilte selber bleibt uninteressant.

Dass da einem geholfen wurde,
neue Lebensqualität gegeben,
eine neue Perspektive eröffnet worden ist,
ist unwichtig.

Die Pharisäer interessiert nur eins:
Hat dem Blinden Gott geholfen?

Die Eltern des Geheilten werden herbeizitiert
und befragt:

„Ist das euer Sohn, von dem ihr sagt,
dass er blind geboren ist?
Und wie kommt es, dass er jetzt sehen kann?“

Die überforderten Eltern zucken die Schultern:

Ja, das ist zwar ihr Sohn.
Aber mehr wissen sie nicht.

Sie wissen nicht, wieso er jetzt sehen kann.
Sie waren nicht dabei.

Daraufhin zitieren die Pharisäer den Geheilten
wieder zu sich und fordern von ihm:

„Bekenn, dass der, der dich geheilt hat,
ein Sünder ist.“

Der Geheilte antwortet:

„Ist er ein Sünder? Das weiß ich nicht;
eins aber weiß ich: dass ich blind war
und jetzt bin ich sehend.“

Ob dem Geheilten gefällt, was er sieht:

Neid, Arroganz, Selbstgefälligkeit, Missgunst
in den Gesichtern seiner Mitmenschen,
das wird in dieser Geschichte nicht erzählt.

Ich könnte mir aber vorstellen,
er wäre mittlerweile lieber blind geblieben.

Das Verhör geht weiter,
Fragen drehen sich im Kreis,
der Druck auf den Geheilten steigt.

Bis schließlich die Pharisäer folgendes entscheiden:

Es konnte nicht bewiesen werden,
dass die Heilung mit Gottes Willen geschah.

Der Geheilte darf nach wie vor
nicht am Gottesdienst teilnehmen,

er gehört nicht zur Gemeinschaft der kultisch Reinen,
er wird – trotz seiner Heilung – ausgegrenzt bleiben.

Jesus hört davon, dass der ehemals Blinde
– trotz seiner Heilung – ausgegrenzt bleibt,

und er geht wieder zu ihm.

Am Ende der Geschichte
wird der Geheilte ein Jünger Jesu.

Die Pharisäer hat Jesus von ihrer Blindheit nicht geheilt, sie werden Blinde bleiben.

Insofern ist es eine tragische Geschichte.
Und sie ist es bis heute.

Denn obwohl Jesus Nächstenliebe geübt, gepredigt, vorgelebt und von uns gefordert hat,

halten Menschen ihr eigenes Wertesystem aufrecht.

Und nach diesem Wertesystem wird oft sehr streng unterschieden, wer gut ist und wer schlecht,

wird geurteilt, diskriminiert und ausgestoßen.

Da ist die eigene Sicht auf sich und andere,
die eigene Bewertung, das eigene Urteil,
oft wichtiger als der Wille Gottes,

als Gottes Liebe zu uns Menschen.

Liebe GD-Gemeinde,

als Jesus von einem Blinden redet,
der Blinde führt,

redete er von denen, die ihre Sicht zum Maßstab für andere machen,
die sich selbst auf der Seite der Guten sehen,
und andere auf der Seite des Bösen.

Georg W. Bush – der Ex-Präsident der USA –
ist sicher ein Paradebeispiel eines Blinden
unserer Zeit.

Um seinen Angriff gegen Saddam Hussein zu rechtfertigen, sprach er von der „Achse des Bösen“,
die Atomwaffen auf uns gerichtet hält,

später waren keine Atomwaffen zu finden,
zumindest nicht auf der Seite des Irak.

Menschen teilen ein in gut und in böse.
Aber, bleiben wir bei uns selbst.

„Kann ein Blinder einen Blinden führen?“
Es ist eine kritische Frage, die Jesus da uns richtet.

Immer wieder fordert Jesus dazu auf,
kritisch mit sich selbst und vorsichtig im Urteil
über andere Menschen zu sein,

damit es uns nicht ergeht wie den Pharisäern,
die am Ende blind bleiben.

Jesus konfrontiert uns mit unserem eigenen Blindsein.

Und er will unsere Blindheit heilen,
uns reinwaschen von Selbstgefälligkeit und Vorurteil.

Jesus fordert uns auf, barmherzig und gnädig zu sein.

In der Feldrede des Lukas ist diese Forderung
in einem ganzen Text überliefert,

ich möchte diesen Text heute als Schlusspunkt meiner Predigt vorlesen.
Ich lese aus dem Evangelium des Lukas, Kap. 6:

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.“
Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis:
„Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Der Jünger steht nicht über dem Meister;
wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.