Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis am 28.6.2009

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott,
unserem Vater, und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.

Liebe GD-Gemeinde,

wir verlieren einiges im Leben.

Manchmal tut das Verlieren weh,
anderes können wir leichter ertragen.

Verlieren wir einen Menschen, den wir lieben,
kann das unendlich schmerzen.

Menschen verlieren einiges im Leben:
eine Liebe, eine Hoffnung, den Beruf oder eine Wahl.

Der Evangelist Lukas widmet ein ganzes Kapitel
dem Verlieren.

Er erzählt vom verlorenen Schaf,
das von seinem Hirten gesucht wird.

Und dieser Hirte hört erst dann auf
zu suchen, bis er  sein Schaf gefunden hat.

Der Hirte ist Gott, und das verlorene Schaf  
ist ein Mensch, der keinen Zugang mehr zu Gott hat.

Und diese Geschichte vom verlorenen Schaf
will sagen:

Gott sucht solange nach uns Menschen,
bis wir wieder mit Gott in Beziehung sind.

Dann erzählt Lukas von einer Frau,
die einen Groschen verloren hat,
einen von zehn Silbergroschen.

Die Frau könnte sich mit den verbliebenen neun zufrieden geben, aber sie tut das nicht.

Sie kehrt und putzt das ganze Haus so intensiv,
so mühevoll, damit sie das Verlorene wieder findet.
So, sagt Lukas, müht Gott sich auch
um jeden einzelnen von uns Menschen,
weil wir Gott unendlich wertvoll sind.

Selbst wenn wir unseren Glauben,
unser Vertrauen in Gott verlieren,
Gott findet uns.

Das ist die zweite Perspektive,
wenn es um’s Verlieren und Wiederfinden geht:

die Mühe bei der Suche
und die Wichtigkeit des Verlorenen.

Dann gibt es noch eine dritte Sicht;
die schildert unser heutiger Predigttext.

Ich lese aus dem Evangelium des Lukas, Kap. 15:

Ein Mensch hatte zwei Söhne.
Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater:
„Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht.“
Und er teilte Hab und Gut unter sie.
Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land;
und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.
Als er nun all das Seine verbraucht hatte,
kam eine große Hungersnot über jenes Land,
und er fing an zu darben und ging hin und hängte sich
an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. Da ging er in sich und sprach: „Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger!
Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner!“ Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.“ Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: „Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden.“ Und sie fingen an, fröhlich zu sein.
Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen
und rief zu sich einen der Knechte, und fragte,
was das wäre. Der aber sagte ihm: „Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat.“
Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen.
Da ging sein Vater heraus und bat ihn. Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: „Siehe,
so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot
noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.“ Er aber sprach zu ihm: „Mein Sohn,   du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden.“ – Herr, segne an uns dein Wort.

Liebe GD-Gemeinde,

der Vater in der Geschichte
hat etwas unendliches Wertvolles verloren:

sein Kind,
ein Kind, das ihn enttäuscht,
das ihn verlassen hat,

das er aber unendlich lieb hat,
das er vermisst und nach dem er sich sehnt.

So geht es Gott auch mit uns Menschen:

Wir können uns von Gott abwenden,
wir tun es auch -- immer wieder --
mal bewusst, mal ungewollt.

Und dennoch bleibt Gottes Hand zu uns,
Gottes Herz für uns offen.

Das ist die Aussage,
für mich zugleich das Wunderbare,
in dieser Geschichte.

Ich finde aber auch:
Die Geschichte ist nicht nur wunderbar.
Sie hat auch einen negativen Beigeschmack.

Sie schmeckt nach Neid, nach Ungerechtigkeit,
nach Rüge.

Vielleicht hatten Sie beim Wahrnehmen der Geschichte diesen Beigeschmack auch.

Da gibt es einen, der freut sich nicht mit dem Vater,
der ist nicht beim Fest,

der ist sauer,
sauer über das Fest,
sauer über die Freude.

Der brave, der redliche Sohn,
der immer beim Vater gewesen,

der ihn niemals enttäuscht,
nie verlassen hat,

der immer Zuhause geholfen,
sich nie schlecht verhalten hat,

der wird - nach diesem negativen Geschmack -   
ungerecht behandelt.

Und ich kann ihn verstehen.

Obwohl ich ein Einzelkind bin,
verstehe ich das empfundene Unrecht
dieses Bruders.

Vielleicht geht es Ihnen, liebe GD-Gemeinde,
ganz ähnlich.

Ungerechtigkeit oder was wir als Unrecht empfinden, gibt es ja nicht nur in einer Familie,

das gibt es auch in einer Firma, in einer Gemeinde,
in einem Verein, unter Freunden.

Wenn jemand sich abmüht,
immer zuverlässig ist,

Aufgaben erledigt -- sogar freiwillig mehr,

und dafür kein Lob, keinen Dank,
keine Anerkennung spürt,

der wird zu Recht sauer und frustriert werden,

der wird sich irgendwann -- laut oder leise -- beschweren, wie der Sohn in unserer Geschichte.

Wer von uns würde das nicht auch machen?

Das Fest, die Freude über die Rückkehr des Herumtreibers ist doch wie ein Schlag gegen die Leistung des anderen.

Ich schätze mal,
die meisten von uns werden sich mit dem braven,
dem fleißigen, dem in seiner Achtung verletzten Sohn identifizieren.

Somit werden auch die meisten von uns
die Enttäuschung, die Wut,
die Frustration des Sohnes nachempfinden,

der ja in diesem Moment, da er sich beschwert,
gar nicht mehr so brav ist,

sondern sich gegen den Vater wendet.

Jetzt ist er der Rebell.
Der ehemals Brave wird zum Aufrührer.

Ganz sicher ist es für die Psyche gesund und wichtig,
seinem Ärger Raum schaffen,

Enttäuschung nicht in sich hineinzufressen,
sondern Luft zu machen.

Und indem wir ihr Luft machen,
fordern wie eine Reaktion heraus.

Der Sohn, der seinem Ärger Luft macht,
erntet er eine Reaktion des Vaters.

Jetzt braucht er einen gütigen, verständnisvollen, liebevollen Vater,

einen, der den Frust und die Wut seines Sohnes anhört
und nicht krumm nimmt.

Der Vater in der Geschichte tut das.
Er sagt:

„Mein Sohn, du bist allezeit bei mir,
und alles, was mein ist, das ist dein.“

Er sagt aber auch:

„Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein;
denn dieser dein Bruder war tot
und ist wieder lebendig geworden, er war verloren
und ist wieder gefunden.“

Liebe GD-Gemeinde,

da schwingt auch Kritik in den Worten des Vaters mit:
Kritik an dem Neid,
Kritik an der Sorge zu kurz zu kommen.

Das ist auch eine Aussage dieser Geschichte.
Etwas, das wir daraus lernen sollen.

Und was wir lernen sollen – ist:
Gott gibt.

Aber was oder wie viel Gott gibt,
geht uns nichts an.

Wichtig ist, dass Gott sich über jeden freut,
ganz gleich wann einer zu Gott kommt
oder zurückfindet.

So könnte das Fazit dieser Geschichte lauten:

Gottes Gerechtigkeit ist anders als wir sie kennen,
als wir sie empfinden oder erwarten.

Jemand, mit dem ich über Gottes Gerechtigkeit geredet habe, hat mir gesagt:

Es steht uns nicht zu,
Gottes Gerechtigkeit anzufechten,

noch, dass wir dazu in der Lage wären,
sie zu verstehen.

Ich habe es dennoch versucht.

Ich wollte mich nicht zufrieden geben
mit Gottes Gerechtigkeit,
wie der ältere Sohn in der Geschichte.

Also habe ich über die Gerechtigkeit Gottes nachgedacht,
und da ist mir eine Idee gekommen:

Wer sagt uns denn, dass wir immer der brave,
der fleißige Sohn sind?

Auch der brave Sohn ist ja – wie wir gesehen haben – nicht durchgehend brav in dieser Geschichte.

Auch er rebelliert,
als das Fest für den Bruder gefeiert wird,
gegen den Vater.

Ich bin überzeugt davon,
dass es in jedem von uns diese beiden Anteile gibt:

den Gott treuen
und den sich von Gott abwendenden Sohn,
die gegen Gott aufbegehrende Tochter.

Es gibt in jedem von uns
dieses verlorene und das wieder gefundene Kind.

Ich kann mir vorstellen,
dass diese beiden Anteile in uns
immer wieder miteinander wechseln,

und mal ist der eine Anteil oben auf,
mal der andere.

Wo aber dieses Kind, der verlorene Sohn,
der Mensch, der sich von Gott abwendet,
zum Ausdruck kommt,

da sind auch wir auf Gottes Gnade angewiesen.

Da ist es tröstlich zu wissen,
dass wir bei Gott willkommen sind,

dass weder Vorwürfe, noch Schadenfreude,
noch Strafe uns erwarten,

sondern väterliche Freude, herzliches Willkommen,
liebevolle Gnade, Barmherzigkeit,
Versöhnung, eine Feier.

Lasst uns also darauf vertrauen,
dass Gott uns vergeben wird,

wo und wann immer wir mit ehrlicher Reue
zu Gott zurückkehren.

Gott wartet auf uns und sehnt sich danach,
dass Gottes Liebe zu uns erwidert wird,
indem wir Gott lieben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.