Predigt zum 1. So. nach Trinitatis, 25. Mai 2008

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott,
unserem Vater, und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.

Liebe GD-Gemeinde,
der Bibeltext, über den ich heute predigen möchte,

ist ein Bekenntnis, das zwei Weltreligionen miteinander verbindet.

Es lautet:

„Schema Jisrael, adonai älohenu, adonai ächad.“
„Höre Israel, der Herr ist einzig, der Herr ist einer.“

So beginnt das Glaubensbekenntnis der Juden.
So steht es im 5. Buch Mose, Kap. 6.

Es ist das Bekenntnis,
das Juden mit Christen verbindet,
 
denn auch wir Christen können so glauben
und sprechen.
Jetzt werden Sie denken:

Das Glaubensbekenntnis der Christen kenne ich!
Das geht anders:

„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde,
und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn…“

und so weiter.

Kein Jude bekennt sich zum dreieinigen Gott,

zu Jesus als Gottes Sohn,
zum Geist als Gottes Gabe.

Und doch:
Christlicher und jüdischer Glaube sagen:
Wir glauben an Gott als den einzigen.

Wir Christen würden nun ergänzen:

Und wir glauben an Jesus Christus,
in dem Gott erschienen ist,
der uns Gott nahe gebracht hat
als liebenden Vater.

Meinen wir, was wir bekennen,
dann folgt daraus:

Wir glauben und wollen befolgen,
was Jesus Christus uns gesagt und vorgelebt hat.

Und was er vorgelebt hat –
das steht auf den Punkt gebracht
bei Markus, Lukas und Matthäus.

Da sagt Jesus zu den Menschen:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“

Und er sagt weiter:

„Dies ist das höchste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich:
»Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz
und die Propheten.

Liebe GD-Gemeinde,

es ist das höchste Gebot, das Jesus uns
-- seinen Jüngerinnen und Jüngern – gibt:

Gott lieben – innen im Herzen,
mit allem Gefühl, dessen wir fähig sind,

Gott lieben mit Körper und Seele:
innen wie außen.

Und das heißt:
Gott tun lassen,
in uns und durch uns
zur Wirkung kommen lassen. ----

Die Mystiker des Mittelalters haben gesagt:

Glaube ist, wenn ein Mensch sich Gott hingibt,
sich öffnet für Gott wie ein leeres Gefäß,

in das Gottes Wille einfließen kann
so dass Gottes Geist ihn erfüllt,

so dass Gottes Wille zum Willen des Menschen wird,

Gottes Wille und der Wille des Menschen
eins werden.
Das ist Glauben.

Dieser Glaube geschieht im ganzen Menschen,
er betrifft die gesamte Person.

So wird dieser Satz erfüllt:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
von ganzem Herzen, von ganzer Seele
und mit all deiner Kraft.“ ----

Liebe Gemeinde,
was innen wirkt, wird außen sichtbar.

Das merken wir im täglichen Leben:

Wenn wir schlecht gelaunt sind,
sieht uns das einer womöglich an.

Gefühls-, Gemütszustände
werden nach außen sichtbar.

Glauben wird sichtbar
-- nicht als bloßes Lippenbekenntnis, bei dem Menschen anders leben als sie reden --

Glauben wird sichtbar,
wo Menschen sich Gott zuwenden.

Wer glaubt, lebt anders:
Für andere vielleicht als Traumtänzer,
der einen unsichtbaren Tanzlehrer hat.

Wer aber Gott als den einzigen Herrn erkennt
und anerkennt,

der folgt keinem anderen als Gottes Willen.

Das wussten Christen auch
während des Nationalsozialismus in Deutschland:

Sie schrieben ihre Überzeugung 1934
auf der Bekenntnissynode von Barmen nieder.

Ich lese aus dieser Theologischen Erklärung
den Ersten Artikel:

Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes,
das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.

Liebe GD-Gemeinde,
was innen wirkt, wird außen sichtbar.

So kann Gottes Wille auch für andere erlebbar
und spürbar werden 

in einem Bekenntnis von Barmen
wie im Leben eines einzelnen Menschen.

»Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«
sagt Jesus.

Und er meint damit:
den anderen mit Respekt behandeln wie uns selbst,

erkennen und anerkennen,
dass Gott der Schöpfer aller ist,

ganz gleich, welcher Nationalität, Hautfarbe, Rasse
oder Religion wir sind,

als Gottes Geschöpf haben wir alle den gleichen Wert,
dieselbe Würde.

„Höre Israel, der Herr ist einzig, der Herr ist einer.“
Auch der Herr, der uns geschaffen hat.

 „Unser Nächster“ – wie Jesus ihn nennt,
ist also kein Begriff, der eng führt und eingrenzt,

der sich auf die eigene Familie,
den eigenen Freundeskreis, die eigene Religion,
Nationalität, Rasse oder Hautfarbe einengt.

„Unser Nächster“ – wie Jesus ihn nennt,
ist ein Begriff, der öffnet und frei macht,

der den Blick weitet für den anderen.

Jesus hat diese Weitsicht und Freiheit
im Gleichnis vom barmherzigen Samariter erklärt.

Auf die Frage: „Wer ist mein Nächster?“

erzählt Jesus von einem Menschen,
der einem Andersgläubigen hilft, der in Not ist,

er erzählt von einem,
dessen Volk mit dem Volk des anderen verfeindet ist,

und der dennoch die Wunden des Feindes verbindet,

ihn zu einer Herberge bringt
und ihn auf eigene Kosten pflegen lässt.

Jesus erzählt von einem, der des Wegs kommt,
und in dem Fremden den Nächsten erkennt,

und von einem, der für seine Hilfe nichts erwartet:
keinen Dank, keinen Vorteil für sich selbst.

Denn der Samariter wartet keinen Dank ab,
er zieht weiter.

An dem Fremden handelt er
aus Liebe zu Gott und zu dem Nächsten,

er handelt als einer,
der den Menschen sieht,

nicht den Andersgläubigen,
nicht den Fremden,

sondern Gottes Geschöpf – geliebt – voller Würde, Wert, Respekt.

Die Situation macht beide:
-- den, der hilft, -- und den, der Hilfe benötigt, --
zu Nächsten.

Was du willst was man dir tu,
das füge auch dem andern zu.

So könnte ein bekanntes Sprichwort lauten,
das – positiv formuliert –
im Gleichnis vom barmherzigen Samariter
seine Erfüllung findet,
und in dem der Satz gilt:

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Liebe GD-Gemeinde,
bekennen wir uns zu Jesus Christus als Gottes Sohn,
der von Gott gesandt ist,
dann gilt dieses Gebot Gottes für uns,

dann können wir im Fremden, Andersgläubigen, Andersfarbigen nur den Nächsten erkennen.

Bekennen wir uns zu Jesus Christus
dann haben Christen und Juden dasselbe Bekenntnis:

„Schema Jisrael, adonai älohenu, adonai ächad.“
„Höre Israel, der Herr ist einzig, der Herr ist einer.“

Und weiter heißt es im 5. Buch Mose, Kap. 6:
„Und diese Worte, die ich dir heute gebiete,
sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie
deinen Kindern einschärfen und davon reden,
wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.
Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein,  und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.“
Liebe GD-Gemeinde,
bekennen wir uns zu Jesus Christus,

bezeugen wir unseren Glauben
und lehren ihn unseren Kindern,

tragen wir unseren Glauben innen und außen:
in unserem Herzen, -- an unserem Körper,
unserem Haus -- und außerhalb unseres Hauses,

bekennen wir uns zu dem einen Gott,
der in uns und durch uns wirken will
in unserem Leben, in dieser Welt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.