Predigt am Sonntag Sexagesimae 2010

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott,
unserem Vater, und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.

Liebe GD-Gemeinde,

es gibt Serien im Fernsehen, die schaue ich überhaupt nicht gerne:

das sind Serien wie Crossing Jordan,
Bones – die Knochenjägerin oder Autopsie,

Sendungen, in denen – zwar künstlich dargestellt –
Leichen aufgeschnitten werden,

und der Zuschauer bei jedem Detail
zusehen darf,

wie Bauchdecken geöffnet wird,

Organe herausgenommen
und im Großformat betrachtet werden,
mit einem Lineal die Tiefe einer Wunde nachgemessen wird usw.

Serien über Gerichtsmedizin sind mit zuwider,

mit der Kamera ganz dicht dabei zu sein
– wenn auch nur für den Film künstlich nachgestellt–

finde ich unangenehm.
Da schalte ich weg.

Nicht wegschalten kann ich bei dem,
was unser heutiger Predigttext ist.

Da ist ebenfalls von Sezieren die Rede.
Dieses Sezieren betrifft jeden von uns.

Wo es um uns geht,
sollten wir nicht wegschalten,

sondern lieber mal hinsehen
oder – im Bezug auf den Predigttext –
aufmerksam zuhören.

Ich lese aus dem Brief an die Hebräer, Kap. 4,
die Verse 12-13:

Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig
und schärfer als jedes zweischneidige Schwert,
und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist,
auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern
es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.
-- Gott, segne an uns dein Wort.

Liebe GD-Gemeinde,

was hier in der Bibel geschildert wird,
ist eine Sendung über Gerichtsmedizin.

Auf dem Tisch der Gerichtsmedizin liegt der Mensch,
der, der sezieren wird, ist Gott,

was damals das zweischneidige Schwert war,
würden wir heute als Skalpell bezeichnen,

wobei das Schwert eine Metapher ist,
ein bildhafter Vergleich für Gottes Wort,

was seziert wird,
das sind wir selbst: Seele und Geist.

Es geht um Gericht,
um den letzten Tag des Menschen.

An diesem Tag – so erzählt die Bibel –
wird Gott Recht sprechen über alle und jeden.

Das ist eine Vorstellung, die mir nicht behagt.
Vielleicht geht es Ihnen so ähnlich, liebe Gemeinde.

Denn ich habe vor allem einen anderen Satz gehört,
den ich seitdem in meinem Herzen habe.

Und dieser Satz besagt:
Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.

Vielleicht ist dieser Satz das Pflaster,
das Gott am Ende des Gerichts über die Wunde legt.

Vor dem Pflaster aber steht die Wunde,

die Öffnung des Menschen,
das Offenlegen der Sinne und Gedanken,

Gottes Wort,
das durch Mark und Bein geht,

mit dem Gottes alles offen legt,
jeden kleinsten Gedanken,

jedes geringste Vergehen entlarvt.
Was bisher verborgen war,
wird Gott offenbar machen.

Was wir lieber verheimlichen wollten,
vielleicht auch bisher verheimlicht haben,

stellt Gott bloß,

was Menschen
sprichwörtlich unter den Teppich kehren konnten,

deckt Gott auf:

alles, was wir getan und was wir nicht getan haben,
was wir versäumt oder unterlassen haben zu tun,

wo wir weggeschaut,
nicht eingegriffen haben,

wo wir hätten anders handeln können,
und haben es nicht getan,
was wir gedacht oder intendiert haben,
Hintergedanken und Heimlichkeiten

bringt Gott ans Licht.

Gottes Gericht ist wie ein Durchleuchten
der dunklen Seiten des Herzens,

des Innersten des Menschen,
das ist der Mensch selbst.

Das Herz – es steht im Orient für den Sitz der Gefühle
Im Herzen wird die Seele verortet.

In Ägypten gibt es ähnliche Gerichtsszenen:
Die Wandmalereien altägyptischer Gräber zeigen den Gott Seth,

den Totengott der Ägypter,
der dem Toten das Herz herausnimmt,

um es zu wiegen,

das Herz ist auch dort die Seele des Menschen,
das, was nach dem Tod weiterleben wird,

das Herz wird gewogen,
schlägt die Waage zugunsten des Toten aus,

kommt seine Seele ins ewige Leben,
schlägt die Waage nach der anderen Seite aus,

wird der Mensch für böse befunden,
verschlingt die Seelenfresserin das Herz,

das Dasein dieses Menschen wird ausgelöscht.

Auch im Hebräerbrief geht es um Alles oder Nichts.
Verschlungen wird jedoch nicht der Mensch.

Verschlungen wird das Böse im Menschen,
um in der Bildsprache des Hebräerbriefs zu bleiben:
Gott schneidet heraus, was schlecht und sündhaft ist,

alles, wo wir schuldig geworden sind,
wird von Gott herausgenommen.

Schuld wird entfernt.

Der Mensch – von Schuld befreit – wird so für Gott annehmbar,

der kann in Beziehung treten zu Gott,
der kommt in Gottes Welt hinein.

Das Gericht – wie es hier beschrieben wird,
ist wie eine unumgängliche Prozedur der Läuterung,

eine unerlässliche Behandlung als Eintrittskarte,
um in Gottes Reich hineinzukommen.

Bei Gottes Gericht wird offen gelegt und bloß gestellt,
sagt der Autor des Hebräerbriefs,
da werden Fehler und Versäumnisse,
Schuld und mangelnde Verantwortung offenbar.

Die Vorstellung, dass Fehler offen gelegt werden,
Schuld ans Licht gebracht,

dass Menschen vielleicht sogar bloßgestellt,
nichts mehr vor Gott verbergen können,

das erinnert an die Szene aus dem Paradies,
als Adam und Eva,

nachdem sie
vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten,

sich vor Gott versteckt haben.

Allein die Vorstellung, bloßgestellt zu werden,
kann Menschen beängstigend

oder zumindest unruhig machen.
Und ich glaube: Genau das will dieser Text.

Dieser Text will aufrütteln,
er will aufmerksamen machen darauf,

dass es eine Zeit gibt,
in der Menschen zur Rechenschaft gezogen werden,

dass für jeden der Moment kommt,
Bilanz zu ziehen.

Und das es besser ist,
diese Bilanz schon früher zu halten

und nicht erst dann,
wenn wir nichts mehr tun,

wir nichts mehr ändern können,

wenn zum Umdenken und anders Handeln
keine Zeit mehr ist.
Dieser Text sagt:
Prüft schon jetzt euer Herz, eure Seele, euer Gewissen,

forscht schon jetzt in euch nach,
was an eurem Denken und Handeln

bisher gut und bisher schlecht gewesen ist,

nutzt die euch verbleibende Zeit,
euer Leben nach Gottes Willen zu ändern.

Was Gottes Wille ist,
dass hat Jesus uns gelehrt:

Liebe zu Gott, zu den Mitmenschen wie zu sich selbst.

Nicht, dass wir den letzten sezierenden,
alles entscheidenden Wort Gottes abwenden könnten.

Doch wie werde ich bis dahin leben?

Lasst uns die Zeit nutzen,
unser Denken jetzt schon zu beleuchten.

Damit wir ruhiger, gefasster,
besser vorbereitet dem Tag entgegensehen,

an dem Gott uns fragen wird:
Was hast du mit deinem Leben gemacht?

Was hast du mit den Gaben Gutes getan,
die ich dir geschenkt habe?

Was für eine Bilanz werden wir dann ziehen?

Welche Bilanz wird sich
aus unserem Leben ergeben?

Was kommt dann unter’m Strich wohl raus?

Gebe Gott,

dass – wenn einmal Bilanz gezogen wird,
Gericht gehalten –

dass dann die Losung dieses Jahres
auch über unserem Leben steht.

Jesus Christus spricht: „Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“

Und weiter heißt es:

„In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?
Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin… Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. A.