Predigt am 5. Sonntag nach Epiphanias 2011

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott,
unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe GD-Gemeinde,
der Text, über den ich heute predigen werde,

ist ein Stück altorientalischer Poesie,
ein Hymnus, ein Lobgesang auf die Allmacht Gottes.

Er steht bei dem Propheten Jesaja, Kapitel 40,
die Verse 12ff. Da heißt es:

Wer misst die Wasser mit der hohlen Hand,
und wer bestimmt des Himmels Weite mit der Spanne und fasst den Staub der Erde mit dem Maß
und wiegt die Berge mit einem Gewicht
und die Hügel mit einer Waage?
Wer bestimmt den Geist des HERRN,
und welcher Ratgeber unterweist ihn?
Wen fragt er um Rat, der ihm Einsicht gebe
und lehre ihn den Weg des Rechts und lehre ihn Erkenntnis und weise ihm den Weg des Verstandes?
Siehe, die Völker sind geachtet wie ein Tropfen
am Eimer und wie ein Sandkorn auf der Waage. Siehe, die Inseln sind wie ein Stäublein. Der Libanon wäre zu wenig zum Feuer und seine Tiere zu wenig
zum Brandopfer. Alle Völker sind vor ihm wie nichts und gelten ihm als nichtig und eitel.
Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen?
Oder was für ein Abbild wollt ihr von ihm machen?
Der Meister gießt ein Bild, und der Goldschmied vergoldet's und macht silberne Ketten daran.
Wer aber zu arm ist für eine solche Gabe, der wählt ein Holz, das nicht fault, und sucht einen klugen Meister dazu, ein Bild zu fertigen, das nicht wackelt.
Wisst ihr denn nicht? Hört ihr denn nicht? Ist's euch nicht von Anfang an verkündigt? Habt ihr's nicht gelernt von Anbeginn der Erde? Er thront
über dem Kreis der Erde, und die darauf wohnen,
sind wie Heuschrecken; er spannt den Himmel aus
wie einen Schleier und breitet ihn aus wie ein Zelt,
in dem man wohnt; er gibt die Fürsten preis, dass sie nichts sind, und die Richter auf Erden macht er zunichte: Kaum sind sie gepflanzt, kaum sind sie gesät, kaum hat ihr Stamm eine Wurzel in der Erde,
da lässt er einen Wind unter sie wehen,
dass sie verdorren, und ein Wirbelsturm führt sie weg
wie Spreu. Mit wem wollt ihr mich also vergleichen, dem ich gleich sei? spricht der Heilige.
Hebet eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen,
und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?
Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR,
der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unaus-forschlich. Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen;
aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.
Gott, segne an uns dein Wort.

Liebe GD-Gemeinde,

wer in den vergangenen Wochen
nachts in den Himmel sah,

der hat bei gutem Wetter
einen wunderschönen Sternenhimmel geschaut,

so viele Sterne, unfassbar in ihrer Zahl,
unvorstellbar weit von uns entfernt;

deren Licht viele Jahre braucht,
bis es bei uns ankommt.

Manche von ihnen sind dann schon erloschen.

Wer sich auskennt mit dem Himmel,
der kann bei geübtem Auge
auch die Milchstraße erkennen
als weißen Schleier am Firmament.

Zu ihr gehört unser Sonnensystem.  

Das Sonnensystem
liegt so weit am Rand der Milchstraße,
dass wir von der Erde aus
auf die Milchstraße drauf schauen können.

Ich finde es oft unfassbar,
in welcher Weite, welcher Unendlichkeit wir sind.

Kein Mensch kann diese Weite fassen oder begreifen.

Wer es versucht,
der wird sich vorkommen
wie ein Staubkorn im Weltall,

der fühlt sich wie ein Tropfen am Eimer
und wie ein Sandkorn auf der Waage –
um bei den Worten des Propheten Jesaja zu bleiben.

Doch beschreibt Jesaja
mit seinen Worten nicht einen einzelnen Menschen,
sondern die Menschheit an sich:

„Siehe, die Völker sind geachtet wie ein Tropfen
am Eimer und wie ein Sandkorn auf der Waage. Siehe, die Inseln sind wie ein Stäublein. Der Libanon wäre zu wenig zum Feuer und seine Tiere zu wenig
zum Brandopfer. Alle Völker sind vor ihm wie nichts und gelten ihm als nichtig und eitel.“

Liebe GD-Gemeinde,

die Worte, mit denen Jesaja schreibt,
richten sich an Israel, das im Exil lebt.
Das Gefühl: wie ein Sandkorn auf der Waage zu sein, kam diesem Volk sehr nahe.

Sie haben sich als bedeutungslos empfunden.
Gerade erst hatten die Babylonier sie besiegt.

Die Elite des Landes:
Beamte, Schreiber, Priester, Handwerker
waren ins Exil nach Babylon deportiert worden,
aus ihrer Heimat vertrieben, zwangsumgesiedelt.

Es gab keinen Tempel mehr, keine Regierung,
Häuser und öffentliche Gebäude
lagen in Schutt und Asche.

Mit den Babyloniern hatten andere Götter gesiegt.

Sie schienen mächtiger zu sein
als der israelitische Gott Jahwe,
allen voran der oberste Gott der Babylonier: Baal.

Die Babylonier haben Israel
die Schmach der Niederlage,
ihre Unterlegenheit spüren lassen.

Und dann kam Israel ins Exil.

In Babylon sahen die Exilanten
goldene Statuen der heidnischen Götter,

prächtige Götzenbilder verziert mit silbernen Ketten,
Götterbilder aus Holz und Ton in jedem Haus.

So also sahen die Himmlischen aus,
die Jahwe besiegt hatten.

Israel fühlte sich von Gott verlassen:

Den Krieg verloren,
seines Ansehens und seiner Würde beraubt,
lag Israels Selbstbewusstsein am Boden.

Sie waren weit weg von zu Haus,
zwangsumgesiedelt in ein Land,
das ihnen aufgrund ihrer Religion
als kultisch unrein galt.

Israel befand sich in der Krise.

Es droht, seine Identität zu verlieren –
politisch, ethnisch und religiös.

In dieser Fremde,
angesichts der Pracht heidnischer Götzen,
haltlos und entwurzelt,
fühlte Israel sich wie ein Stäublein im Weltall.

Wo war Jahwe?
Warum stand er seinem Volk nicht bei?

Solche Fragen quälten die Deportierten.

Wer von uns schon
eine persönliche Niederlage erlebt hat:
den Verlust der Arbeit, eines Partners,
der weiß,
wie Selbstzweifel und Glaubenskrise sich anfühlen.

Wer sich schwach und hilflos fühlt,
wer sich besiegt und unterlegen vorkommt,

der lässt den Kopf sinken, die Schultern hängen,
der wird kleinlaut, macht sich klein,

weint im Stillen, leidet leise, klagt in sich hinein,
ist erschöpft, mutlos, verzweifelt.

Israel liegt am Boden.

Zum Jammern zu gedemütigt,
zum Beten zu frustriert, haben sie im Stillen getrauert.
Grabesruhe, Schockstarre, Todesstill.

Da, in diese Stille hinein, ruft eine Stimme:

„Wer misst die Wasser mit der hohlen Hand,
und wer bestimmt des Himmels Weite mit der Spanne und fasst den Staub der Erde mit dem Maß
und wiegt die Berge mit einem Gewicht
und die Hügel mit einer Waage?“

Liebe GD-Gemeinde,
wie ein Donnerhall klingen die Worte des Propheten.

Es ist einer, der mit ins Exil gekommen ist.

Einer, der seinen Mut nicht verloren hat,
der an Gott glaubt und festhält –
aller Widrigkeiten zum Trotz.

Dieser eine ist Israels Fels in der Brandung,
eine vertraute Stimme in der Fremde.

Er erinnert Israel daran: Gott ist mächtiger als Baal,
machtvoller als Astarte und all die anderen Götzen.

Von denen haben Menschen sich ein Bild gemacht.
Diese sind fassbar für Hände und den Verstand.

Jahwe aber kann niemand fassen:

„...Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen?
Oder was für ein Abbild wollt ihr von ihm machen?
Der Meister gießt ein Bild, und der Goldschmied vergoldet's und macht silberne Ketten daran.
Wer aber zu arm ist für eine solche Gabe,
der wählt ein Holz, das nicht fault, und sucht einen klugen Meister dazu, ein Bild zu fertigen, das nicht wackelt. Wisst ihr denn nicht? Hört ihr denn nicht? Ist's euch nicht von Anfang an verkündigt? Habt ihr's nicht gelernt von Anbeginn der Erde? Er thront über dem Kreis der Erde, und die darauf wohnen, sind
wie Heuschrecken; er spannt den Himmel aus wie einen Schleier und breitet ihn aus wie ein Zelt, in dem man wohnt; er gibt die Fürsten preis, dass sie nichts
sind, und die Richter auf Erden macht er zunichte: …“

Liebe GD-Gemeinde,
so machtvoll, so unvorstellbar ist Gott.

Er braucht keine Statue, keine Zeichnung.
Die Schöpfung ist Zeichen seiner Macht.

Die Menschen als Ebenbilder Gottes
tragen Gottes Handschrift.

Alles, was ist, ist Zeichen seiner Existenz,
seiner Nähe, Größe, Schöpferkraft,
seiner Lebendigkeit und Liebe zum Leben,
seiner Freude am Sein und seiner Allmacht.

Kein Mensch kann von Gott,
dem Schöpfer der Welt, der das Weltall umfasst,
ein Abbild machen.

Wie sollte das auch aussehen?

Gott lässt sich nicht begreifen,
weder mit dem Verstand noch mit der Hand.

Alles Gold und Silber würde nicht ausreichen,
um von diesem Unsichtbaren eine Statue zu machen.

Kein Edelmetall der Welt genügt,
um Gottes Herrlichkeit zu fassen.

Die Schönheit der Welt ist sein Abglanz.
Diesen Abglanz dürfen wir bewundern und ansehen.

Mehr aber dürfen wir nicht sehen.
Und das hat seinen Grund:

„Kein Mensch wird leben, der mich sieht“ –
heißt es im 2. Buch Mose.

Gott zu sehen,
ist eine Tod bringende Überforderung für uns.

Um Gott in all seiner Herrlichkeit zu schauen,
dafür sind unsere Augen nicht gebaut.

Sie würden Gottes Herrlichkeit nicht aushalten.

Gottes Glanz können wir in der Schöpfung bestaunen:
in der Schönheit eines Sonnenaufgangs,
eines Spinnennetzes im Tau,
im Gesang der Vögel,
dem Lachen eines Kindes,
der Zufriedenheit im Gesicht eines alten Menschen.

All diese Schönheit ist Gottes Spur.

Mit einem Lobpreis
auf die Allmacht und Schöpferkraft Gottes
baut der Prophet seine Zuhörer auf.

Wer Jahwe zum Gott hat,
den Schöpfer des Weltalls und der Erde,
der kann sich selbst groß fühlen.

Dieser Gott sorgt für das Wohl und Weh der Völker,
er hebt Politiker ins Amt und lässt sie stürzen.

Als Herr über Leben und Tod
bestimmt er das Werden und Vergehen.

Kein Gott ist neben ihm,
keiner ist so mächtig wie er.

„Er thront über dem Kreis der Erde, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken… er gibt die Fürsten preis, dass sie nichts sind, und die Richter auf Erden macht er zunichte: Kaum sind sie gepflanzt,
kaum sind sie gesät, kaum hat ihr Stamm eine Wurzel in der Erde, da lässt er einen Wind unter sie wehen,
dass sie verdorren, und ein Wirbelsturm führt sie weg
wie Spreu. Mit wem wollt ihr mich also vergleichen, dem ich gleich sei? spricht der Heilige.“

Mit dem Lob auf Gottes Allmacht
will Jesaja Israels Selbstbewusstsein wieder aufrichten,
neue Glaubens- und Willensstärke geben.

Wer an Jahwe glaubt, der kann sich groß fühlen.

Um aber Gottes Herrlichkeit zu sehen,
dürfen wir nicht den Blick sänken
und mit hängendem Kopf zu Boden sehen.

Um Gottes Herrlichkeit zu erkennen,
ist es nötig, dass wir den Kopf heben und nach oben sehen.

„Seht auf und erhebt eure Häupter“,
heißt es im Neuen Testament (Lk 21,28).

Dieser Vers ist im Advent zu hören.
Da hat er seinen Platz und seinen Grund:

Er kündet von der Ankunft Gottes auf der Erde.

Im Advent kommt Gott den Menschen nah.

Da ist er nicht mehr weit weg,
nicht mehr der ferne, der übergroße,
der unfassbare Gott.

Im Kind in der Krippe, im Mann am Kreuz
verbindet sich Gott mit uns,

wird einer von uns,
kommt uns nah,
damit wir nahe bei Gott sind,
damit wir mit ihm leben.

„Seht auf und erhebt eure Häupter,
weil sich eure Erlösung naht.“
So geht dieser Satz weiter.

Liebe GD-Gemeinde,

mit Jesus Christus kommt Gott uns nahe,
in Jesus Christus verbindet sich Gott mit uns.

Gott und Mensch werden eins
aus Gottes Liebe zu uns Menschen.

Diese Liebe ist mächtig,
mächtiger als der Tod.

An Ostern feiern wir Christen
Gottes Sieg über den Tod,
an Ostern gewinnt das Leben.

Gott als Herr über Leben und Tod.

Wer so einen Gott auf seiner Seite hat,
der darf gewiss sein und glauben:

Auch bei uns wird Gott
nicht dem Tod das letzte Wort lassen.

Auch an uns handelt Gott,
schenkt er uns neues Leben.

Das ist der Glaube, der uns Christen aufrecht hält.

Deshalb können wir die Worte Jesajas
mit einem Glauben hören,
der in Jesus Christus gründet.

Deshalb werden wir im Blick auf Christus
auch die Botschaft des Propheten
mit einem uns eigenen Textverständnis hören,

mit der Auferstehung Jesu
und der Auferweckung der Menschheit im Blick:

„aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler,
dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“

Liebe GD-Gemeinde,

Gott gibt Kraft
im Leben, im Sterben, im Tod
und über den Tod hinaus.

Mit dieser Kraft
wird Gott den Niedergeschlagenen wieder aufrichten,

gibt Gott den Müden neue Kraft,

und denen, die tot am Boden liegen,
schenkt Gott neues Leben.

Wer so einen Gott glaubt,
der richtet seinen Blick auf,

der wird mutig und getröstet nach oben sehen,

für den ist Gott nicht fern
wie der Himmel und die Sterne,

sondern fühlbar nah,
dem werden Glaube, Hoffnung und Liebe zufließen.

Israel hat Jesajas Worten geglaubt.

Es hat seinen Blick gehoben, hat gehofft
und nach Erlösung geschaut.

Tatsächlich ist diese Erlösung gekommen.
Jahre später kam ein Perserkönig namens Kyros.

Der hat Babylon besiegt
und Israel die Freiheit wieder gegeben.

Die Exilanten kehrten nach Israel zurück.

Kyros gab ihnen Autonomie,
baute die Organisation eines Staates,
Land und Tempel wieder auf.

In Gestalt des Perserkönigs Kyros
nahm die Geschichte Gottes mit Israel
eine heilvolle Wende.

Warum sollte nicht auch unsere Geschichte mit Gott ein happy end haben?

„Seht auf und erhebt eure Häupter,
denn eure Erlösung ist nah!“

In Jesus Christus ist Gott für uns geboren,
in diesem einen ist Gott uns nahe.

Im Angesicht Jesu strahlt Gottes Liebe zu uns.

In ihm sehen wir einen menschenfreundlichen,
gütigen, erbarmenden Gott.

Lasst uns diesem einen unser Gesicht zuwenden,
damit wir durch ihn getröstet werden,

damit Glaube, Hoffnung und Liebe uns zufließen
und in uns wachsen können.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.