Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis 2013

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, 

unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gottesdienst-Gemeinde,

der Predigttext für den heutigen Sonntag

steht im Evangelium des Johannes, Kapitel 8,

ich lese die Verse 3-11:


Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer

brachten eine Frau zu Jesus, beim Ehebruch ergriffen,

und stellten sie in die Mitte und sprachen zu

ihm: „Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim 

Ehe-bruch ergriffen worden. Mose aber hat uns im

Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was

sagst du?“ Das sagten sie aber, ihn zu versuchen,

damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte

sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als

sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf

und sprach zu ihnen: „Wer unter euch ohne Sünde

ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ Und er bückte

sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie aber das

hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die

Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau,

die in der Mitte stand. Jesus aber richtete sich auf

und fragte sie: „Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand

verdammt?“ Sie antwortete: „Niemand, Herr.“ Und

Jesus sprach: „So verdamme ich dich auch nicht; geh

hin und sündige hinfort nicht mehr.“ – Herr, segne an

uns dein Wort.

 

Liebe Gemeinde,

viele von uns kennen diese Geschichte.

Jeder von uns hat seine eigene Meinung dazu.

 

Wenn das Wort Ehebruch klingt,

rotiert es in unseren Gedanken.

 

Manche schauen unter sich.

Sie haben eine Versuchung wie Ehebruch

vielleicht schon erlebt.

 

Andere haben sofort ihr Urteil gefällt. 

Ehebruch – das gehört sich nicht!

 

Urteile fällen wir täglich.

 

In der Schule haben wir es gelernt: 

in Chemie, Deutsch, Biologie, Mathematik –

da sind Urteile wichtig.

 

Menschen müssen urteilen.

Mehrfach am Tag entscheiden wir – oft blitzschnell –

was richtig ist und was nicht.

 

In der Verkehrserziehung lernen wir,

bei Rot stehen, bei Grün gehen ist überlebenswichtig.

 

In Reli, Ethik, bei Erzieherinnen und Zuhause

bekommen wir unser Gewissen,

die moralische Instanz vermittelt.

 

Und so erfahren wir: 

Dem Nachbarn die Zunge rausstrecken, ist böse.

Der alten Frau die Tasche tragen, ist gut.

 

So schnell wir mit unseren Urteilen sind,

so schnell werden wir unvorsichtig.

 

Oft lassen Menschen sich von Äußerem blenden,

sitzen innerlich über andere zu Gericht.

 

So werden wir schuldig – in Gedanken und Taten

unseren Mitmenschen gegenüber und Gott.

 

Gott ist es, der uns gegenüber barmherzig ist. 

Von ihm wollen wir Barmherzigkeit haben.

 

Wir fordern sie für uns,

gehen derweil aber mit anderen

oft gnadenlos ins Gericht.

 

Und so kommt es, dass wir schuldig werden

auch im Hinblick auf Gott.

 

Nur: Wer Gerechtigkeit fordert, 

der kann für sich nicht auf Gnade zählen.

Oder doch?

 

Treten wir mal einen Schritt zurück.

Lernen wir, wie Gott Gerechtigkeit übt.

 

Reisen wir innerlich 2000 Jahre in die Vergangenheit,

in das Land, in dem diese Geschichte spielt.

 

Gehen wir nach Israel, Jerusalem. 

Erleben wir die Geschichte in ihren Anfängen mit.

 

Seien wir dabei, noch bevor unser Predigttext beginnt:

 

Staub wirbelt auf.

 

Er hat sie aus dem Haus getrieben.

Jetzt rennt sie um ihr Leben. Andere folgen ihr.

Einer holt auf.

Schon hat er sie gepackt, zerrt sie an den Haaren,

reist sie runter in den Staub.

Sie stolpert, fällt zu Boden.

Noch mehr Staub wirbelt auf.

Jetzt haben sie sie eingeholt.

Ihr wird schwarz vor Augen.

Ihr Magen krampft vor Angst und Scham.

Staub in ihrem Mund. Sie hustet.

 

Alles ist so schnell gegangen:

Ihr Liebhaber und sie hatten sich getroffen –

dieses Mal bei ihr Zuhause.

Ihr Ehemann war nicht da.

Doch dann kam er wieder.

Er kam – früher als gedacht – nach Hause.

Er hatte geschrieen, getobt, sie aus dem Bett gezogen,

dann hat er sie durchs Haus gejagt,

und sie war geflohen.

Auf der Straße hat er „Ehebruch“ geschrieen

und Gerechtigkeit gefordert.

Nachbarn sind zusammen gelaufen,

sie ist entehrt, bloßgestellt vor all den Leuten.

„Steinigt sie!“ – hörte sie die ersten rufen. 

Wo war ihr Liebhaber?

Sie hatte ihn nicht mehr gesehen, 

seit sie aus dem Haus war.

 

Hände greifen nach ihr, reißen sie hoch, 

stellten sie unsanft auf die Füße.

„Steinigt sie!“ – hört sie die anderen rufen.

„Lasst uns sie uns zum Rabbi bringen.“, sagt einer. 

„Soll er das Urteil über sie sprechen. 

Mal sehen, ob er’s tun wird!“

 

Grob packt einer sie am Arm,

schubst sie den Weg vor sich her.

Menschen auf der Straße, die sie kommen sehen,

bleiben stehen, drehen sich um nach ihr.

Sensationslustige Gaffer. 

Einige folgen.

Sie höhnen, schubsen, spotten, spucken sie an. 

„Steinigung, Steinigung!“ – hört sie immer wieder rufen.

„Wo ist der Rabbi? Jetzt haben wir ihn.

Das Gesetz bringt sie beide zu Fall – sie und ihn!“

 

Die Frau kann nicht ahnen, 

dass sie in diesem Moment

nur noch Mittel zum Zweck ist.

Ihr Ehebruch ist der Vorwand

für eine noch größere Klage.

Er ist ihnen schon lange ein Dorn im Auge –

dieser Jesus aus Nazareth,

ein Feind der Priester,

ein Kritiker der Frommen, der von sich sagt,

dass er der von Gott gesandte Messias ist. 

Jetzt haben sie einen Vorwand, ihn zu verklagen.

 

Am Schicksal der Frau soll sich entscheiden,

was mit Jesus geschieht.

Am Urteil über sie – wird er sein eigenes Urteil fällen.

 

Hält er am Gesetz fest, muss sie des Todes sterben.

Stimmt er der Tötung zu, klebt Blut an ihm.

Dann verstößt er gegen das Gebot, von dem er sagt,

das es ihm das höchste ist:

„Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen,

von ganzer Seele, von ganzem Gemüt,

und deinen Nächsten wie dich selbst.“

So predigt er es jeden Tag in den Synagogen.

Stimmt er der Tötung zu,

wird er selbst unglaubwürdig.

 

Stimmt er der Tötung nicht zu,

stellte er sich gegen das Gesetz,

ist er Gott ungehorsam, ist er gotteslästerlich.

Dann können sie ihn töten.

Dann sterben er und die Frau.

 

Ihr Tod steht auf jeden Fall fest. 

Die Schlinge ist gelegt.

Einen Ausweg hat er nicht.

 

„Die hier hat Ehebruch begangen“, sagen sie, 

kaum, dass sie vor ihm stehen.

„Es gibt Zeugen. Sie ist überführt!

Du weißt, dass das Gesetz dafür Steinigung gebietet.

Was sagst du?“

Jesus beugt sich runter auf die Erde,

schreibt mit dem Finger in den Sand.

Was schreibt er? Die Pharisäer recken die Hälse.

Sie können es nicht sehen. Jesus schweigt.

Seine Stille ist mit Händen zu greifen.

Ihre Spannung wird unerträglich. 

„Was ist nun?“ fragen sie.

Jesus richtet sich auf.

Ruhig, ohne Furcht sieht er sie an,

blickt jedem einzelnen ins Auge.

 

Dann sagt er: „Wer unter euch ohne Sünde ist,

der werfe den ersten Stein auf sie.“

„Was hat er gesagt?“, flüstert einer, der ganz hinten steht.

„Wer von uns ohne Sünde ist, der soll den ersten Stein

auf sie werfen“, wiederholt ein anderer.

 

Ohne Sünde? Wer ist das? 

Wer kann von sich sagen, dass er ohne Sünde ist?

 

Der Blick der Menschen wandert nach innen,

schweigend, in sich gekehrt, ist jeder bei sich.

Die Gedanken rotieren, Jesu Worte wirken nach.

Wer eben noch sicher war, ist unsicher geworden.

Was eben noch feststand, gilt nicht.

Es gibt keinen Menschen, der frei ist von Sünde. 

Also darf niemand urteilen.

 

Muskeln entspannen sich,

Hände – eben noch zur Faust geballt – werden offen,

Steine fallen in den Sand.

 

Die ersten, die sich umdrehen und weggehen, 

sind die Ältesten. Sie haben als erste verstanden. 

Vielleicht haben sie genug Altersweisheit gesammelt, 

dass sie als erste verstehen, was Jesus meint.

Vielleicht haben sie auch im Laufe ihres Lebens

mehr Sünden auf sich geladen.

 

Immer mehr Steine fallen in den Sand. 

Menschen drehen sich um, gehen nach Hause.

 

Manche nehmen einen anderen Weg als den,

den sie gekommen sind.

Ihr Blick auf die Frau, der Blick auf sich 

hat sich verändert.

Jesus verändert ihre Sicht. Jesus irritiert.

 

Fragen bleiben.

Manche fragen: Was schrieb er in den Sand?

Schrieb er Namen?

So wie es beim Propheten Jeremia heißt:

„Die Abtrünnigen müssen auf die Erde geschrieben werden?“

Aber wessen Namen schrieb er?

Den Namen der Frau?

Oder die Namen derer, die zu ihm gekommen sind,

sie zu verklagen?

Hat er die böse Absicht,

ihre Machenschaft hinter der Klage erkannt?

Solche Fragen bleiben.

 

Jesus beugt sich wieder auf die Erde,

wieder schreibt er mit dem Finger in den Sand.

Was schreibt er jetzt? 

Schreibt er die Sünde auf, die die Frau beging? 

Er hat den Ehebruch klar als Sünde benannt.

Oder schreibt er die Sünden aller auf,

damit jede Sünde weggewischt werden kann

wie der Sand?

 

Wieder dauert Jesu Schweigen an. 

Wieder kommt ihnen jede Sekunde wie eine Ewigkeit vor.

Erst als er und die Frau alleine sind, spricht er:

„Wo sind sie, die dich verurteilt haben?

Hat dich niemand verdammt?“

Sie antwortet: „Niemand, Herr.“ 

„So verdamme ich dich auch nicht;

geh hin und sündige hinfort nicht mehr.“

 

Auf einem anderen Weg als dem, den sie gegangen ist,

wird sie von ihm entlassen.

Wohin geht sie?

Was ist aus ihrem Liebhaber geworden?

Es wird nicht gesagt.

 

Liebe Gottesdienst-Gemeinde,

was sollen wir mit dieser Geschichte machen,

einer Erzählung, die so offen ist?

 

Was lernen wir daraus?

 

Sollen wir nicht mehr urteilen? 

Urteilen müssen wir jeden Tag.

 

Allein, um abzuwägen, was gut ist und was böse,

müssen Menschen urteilen.

 

Urteilen lernen wir in der Schule. 

Urteile wenden wir fast auf jedes Verhalten an.

 

Um uns am Guten orientieren zu können, 

müssen wir urteilen.

 

Also nicht mehr urteilen, das kann nicht das Fazit sein.

 

Urteilen müssen wir,

vor allem zur Orientierung unseres eigenen Verhaltens

 

Wenn nun jeder über sein eigenes Verhalten urteilt,

braucht es keine Gerichte.

Dann weiß jeder, was gut ist und was böse.

Schaffen wir die Gerichte also ab.

 

Aber Menschen handeln oft wider besseres Wissen.

 

Wir brauchen die Gerichte.

Richter brauchen wir, allein schon deshalb,

damit nicht jeder nach eigenem gut Dünken Recht spricht.

 

Was die eine gut findet, ist für den anderen 

womöglich schlecht.

 

Wenn ich zum Beispiel das letzte Stück Torte nehme,

damit ein anderer weniger Kalorien zu sich nimmt,

kann der sich dennoch über mich ärgern.

Er hätte dieses letzte Stück auch gerne gegessen.

 

Um das Zusammenleben zu regeln,

brauchen wir allgemeine Instanzen, die Recht sprechen,

auch über die subjektiven Interessen einzelner hinweg.

 

Nun ist das Wort Gerechtigkeit gefallen.

Lassen Sie uns darüber nachdenken:

 

Wenn ich für einen anderen Gerechtigkeit fordere,

heißt das, dass Gerechtigkeit auch für mich gilt.

 

Wenn ich für mich Gnade erwarte,

muss die auch für einen anderen gelten.

 

Ich denke, das ist die eine Erkenntnis,

die wir aus dieser Geschichte gewinnen können.

 

Die andere ist:

Kein Mensch darf sich über einen anderen stellen.

 

Nur weil der Ehebruch der einen entdeckt wurde,

ist der, der beim Ehebruch nicht ertappt wird, nicht im Recht.

 

Keiner ist besser als der andere.

 

Auch die Frage nach der Art der Schuld 

stellt sich nicht.

 

Ob Lügen oder Stehlen, fällt nicht ins Gewicht.

Schuldig ist jeder.

 

Es gibt kein viel oder wenig an Schuld,

kein besser oder schlechter.

 

Die Schuld an sich disqualifiziert uns dazu,

dass wir über einen anderen urteilen,

 

zumindest schützt sie davor,

dass einer selbstgerecht ist.

 

Urteilen müssen wir dennoch jeden Tag,

das müssen auch die Richter.

 

Und doch urteilen Sünder über andere Sünder. 

Unschuldig urteilen, das kann alleine Gott.

 

Diese Art der Selbsterkenntnis

und die daraus resultierende Selbstbescheidenheit

wünsche ich uns allen,

die wünsche ich nicht nur den Richtern.

 

„Die Hand, die mit einem Finger auf andere zeigt,

zeigt mit drei Fingern auf mich zurück“,

heißt es in einem Sprichwort.

 

Was wir noch aus der Geschichte lernen können, ist: 

Jesus urteilt über die Tat, er verurteilt nicht den Täter.

Dieses Prinzip gilt bei der Kindererziehung auch.

 

Um selbstbewusst aufwachsen zu können,

sagen Pädagogen,

sollen Kinder lernen, dass ihre Bezugsperson sie liebt.

Diese Liebe ist bedingungslos.

 

Wer schimpft: „Du bist böse!“, der schimpft schlecht.

Wer erziehen will, sagt besser:

„Was du getan hast, ist böse.

Dich als Menschen aber liebe ich.“

 

So redet Jesus auch zu der Frau. Er sagt:

„So verdamme ich dich auch nicht;

geh hin und sündige hinfort nicht mehr.“

 

„Was du getan hast, ist schlecht.

Dich selbst aber liebe ich.“

 

Liebe Gemeinde, 

wenn auch vieles in dieser Geschichte unsicher ist,

an manchen Stellen hat Jesus auch uns irritiert,

eines ist sicher:

 

Jesus lässt Gnade vor Recht ergehen.

So zeigt er, dass Gott gnädig ist.

 

Handeln wir also, wie Gott es tut:

 

Seien wir gnädig mit uns und anderen,

lieben wir Gott und unseren Nächsten wie uns selbst!

 

Wer von uns ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!

 

Handeln und denken wir öfter mal 

nach diesem Prinzip!

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, 

bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.