Predigt zum 21. Sonntag nach Trinitatis 2012

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, 
unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gottesdienst-Gemeinde,
heute hat ein Brief uns erreicht.
Darauf steht: „Zum Verlesen in der Gemeinde“.

Ich mache den Umschlag auf.
Mal sehen, was darinnen ist.
Darinnen ist ein Text. Ich lese ihn vor:

 

Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte:
So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:
Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen, und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.
Sucht der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohl geht, so geht's auch euch wohl.
Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe.
Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch Zukunft und Hoffnung gebe. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören.
Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,
so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

 

Soweit der Brief.

Eigentlich habe ich gedacht,
dieser Brief wäre direkt an uns.

Aber da Jeremia der Adressat ist, ein Prophet in Israel,
und seine Empfänger klar genannt sind:

„der Rest der Ältesten, die weggeführt waren,
die Priester und das ganze Volk, das Nebukadnezar
von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte“,

sind diese Worte ursprünglich nicht an uns gerichtet.
Hat sicher mancher von Ihnen auch schon gedacht.

Hätte ich mir auch denken können.

Denn im Zeitalter von SMS und E-Mail,
Facebook und Skype –
wer schreibt da noch Briefe?
Und dann sogar mit der Hand?

Und wer macht sich die Mühe,
einen Brief zur Post zu bringen?
Manches kommt per Post nicht einmal an.

Na, dieser Brief hat auch recht lang gebraucht,
bis er zugestellt worden ist.
Immerhin lebte sein Verfasser 2600 Jahren vor uns.

Ist auch erstaunlich, dass dieser Brief überliefert ist.
Scheint ja doch wichtig zu sein, was darinnen steht.

Aber, was damals passiert ist,
das gehört nicht in unsere Zeit,
das passt kaum in unsere Lebenssituation hinein.

Immerhin leben wir nicht im Exil.
Wir sind nicht zwangsumgesiedelt.
Kaum einer von uns ist kriegsvertrieben.

Ja, einige Ältere vielleicht,
die wissen, wie sich das anfühlt:
sein Zuhause zu verlieren.

Die haben das zum Teil selbst erlebt,
damals vor 70 Jahren, während des 2. Weltkriegs.

Die können davon erzählen.
Obwohl es von denen immer weniger gibt.

Aber die Jüngeren, wir wissen nicht,
wie sich das anfühlt, sein Zuhause zu verlieren.

Wir können es nicht nachspüren –
auch nicht vom Hören.

Wir wissen nicht, wie das ist,
in einem grausamen, zerstörerischen Krieg zu leben,
in dem Frauen ihre Männer verlieren,
Mütter ihre Söhne, Kinder ihre Väter,
Schwestern ihre Brüder.

Wir wissen nicht, wie es aussieht,
wenn Leichen vor unserer Tür liegen,
wir im Bunker sitzen, über uns die Bomben fliegen,

Häuser in Trümmern, Felder verbrannt,
Scheunen geplündert,
Vieh abgeschlachtet oder wegtransportiert,

Frauen vergewaltigt, Alte am Boden,
Kinder ohne Hoffnung.

Wir hören nicht ihre Verzweiflung,
kennen nicht ihre Gesichter.

Krieg kennen die Jüngeren
nur aus dem Geschichtsbuch oder aus dem Fernsehen.

Gott sei Dank.
Gott sei Dank nicht bei uns,
nicht in einem europäischen Land.

Hier gibt es keinen Krieg.
Anderswo aber ist er.

Da gibt es Menschen, die wissen, was Krieg ist –
ganz aktuell,

die kennen Vertreibung, Flucht, Hungermärsche.

Dafür gibt es viele bei uns,
die nie von Zuhause wegziehen,
die nie ihre Heimat verlassen müssen.

Manche können in dem Haus sterben,
in dem sie geboren worden sind.

Heimatlos zu sein, entwurzelt, vertrieben –
das kennen die wenigsten von uns heute.

Einwanderer aus Russland,
die können ebenfalls davon erzählen:

Im Kommunismus wurden Deutschstämmige
von Russland nach Sibirien vertrieben.

Die älteren der Einwanderer wissen,
wie sich das anfühlt: sein Zuhause zu verlieren.

Aber wer von uns will deren Erlebnisse hören?

Ein Brief an die, die weggeführt worden sind,
der richtet sich kaum an uns hier.

Andererseits: So verwurzelt, gefestigt, geerdet
sind wir auch nicht immer. Nicht in unserem Leben.

Es gibt Situationen,
die uns den Boden unter den Füßen wegziehen.

Das passiert zum Beispiel,
wenn wir jemanden verlieren, der uns wichtig ist,
einen Menschen, den wir geliebt haben,
der Teil unseres Lebens gewesen ist.

Einen Menschen zu verlieren,
das kann haltlos machen,
bringt uns ins Wanken.

Da fühlen wir uns aus dem Leben herausgerissen,
hoffnungslos, entwurzelt, vertrieben.

Es ist, als nehmen wir die Welt, die Menschen
wie durch einen Schleier wahr,

fühlen uns verzweifelt,
kommen uns fremd vor,
fremd im eigenen Leben,

wir wissen nicht, wie es weitergeht,
wie wir einen Fuß vor den anderen setzen,
sind auf einem Weg, der vor uns liegt,
auf den wir gestellt worden sind, ohne uns zu fragen,
den wir uns nicht ausgesucht haben,
den wir nicht zu gehen bereit sind.

Bei vielen, die haltlos, entwurzelt sind,
richtet sich der Blick nach hinten,
schauen wir zurück auf vergangene Zeit,
denken daran, wie schön es früher war,
sehnen uns zurück in die gute alte Zeit,
verklären, glorifizieren sie vielleicht,
um uns ein Stück heile Welt zu bewahren,
an die wir uns erinnern können.

Was uns damals geärgert, was uns frustriert,
das Leben schwer gemacht hat,
das vergessen wir dabei.

So ähnlich ging es den Israeliten vor 2600 Jahren,
den Weggeführten im Exil.

Der Heimat beraubt, die Familie verloren,
Verwandte, Freunde hunderte Kilometer weit weg,
viele Wochen Fußwegs von Zuhause entfernt.:
Sie müssen sich höchst unsicher gefühlt haben.

Sie kamen in ein fernes fremdes Land,
mit Menschen, deren Sprache sie nicht verstanden,
einer anderen Religion, anderen Kultur.

In diesem Land gab es keinen jüdischen Tempel.
Die Menschen beteten andere Götter an.

Es gab einen ausgeprägten Fruchtbarkeitskult,
Tempelprostitution, von der die Israeliten sich distanziert haben.

Der Tempel von Jerusalem war weit weg.
Im Tempel war Gott.
Gott war also Kilometer weit von ihnen entfernt.

Hier im Exil konnten sie ihre Religion nicht leben,
ohne Tempel nicht beten, keinen Gottesdienst feiern.
Es gab keine eigene Religion, keine Identität.

Genau das wollten die Babylonier erreichen.

Sie wollten, dass jedes besiegte Volk

in ihrem Völkergemisch aufgeht,

dass alle eins werden, ein Groß-Babel, ein Imperium, ein Weltreich.

 

Dafür hatten sie die Elite Israels:

Handwerker, Priester, Propheten, hohe Beamte

aus Israel weggeführt.

 

Sie hatten sie mit nach Babel genommen,

um sich dort deren Wissen, Geschick, Fertigkeiten

zu nutze zu machen.

 

Über das Trauma, das sie dadurch auslösten,

über das Schicksal, die Gefühle anderer

haben sie nicht nachgedacht.

 

Sie wollten ihren Traum vom Großreich wahr machen.

Die Israeliten mussten mit

an Ketten oder mit Stricken gebunden

zwangsweise mit Waffengewalt.

 

Viele dachten an früher,

dachten an die Heimat, Familie, Freunde.

 

Viele lebten gedanklich rückwärts orientiert,

sehnten sich nach der guten alten Zeit

und hofften, dass diese Zeit bald wiederkehrt.

 

Solches Sehnen kennen auch wir:

die Hoffnung, dass Vergangenes wiederkehrt.

 

Dann, nach mehreren Wochen des Sehnens

erreicht die Vertriebenen ein Brief.

 

Es ist ein Brief aus ihrer Heimat,

geschrieben von einem, der in Jerusalem lebt.

 

Dieser Brief ist ihre Verbindung zum Früher.

Jemand hat an sie gedacht.

Und er schreibt einen langen ausführlichen Brief.

 

Anders als die Israeliten es von ihm erwarten,

schreibt er jedoch nicht, was bei ihm Zuhause vor sich geht.

 

Er schreibt nichts von Verwandten, Freunden, Nachbarn, nichts davon, wie es ihm selber geht.

 

Sein Brief richtet sich nach vorne.

Jeremia entwirft ein Zukunftsbild.

Und mit diesem Zukunftsbild schreibt er:

 

Baut Häuser, pflanzt Gärten,

nehmt euch Frauen, zeugt Kinder,

nehmt für eure Söhne Frauen

und gebt eure Töchter Männern,

mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.

 

Zusammenfassend gesagt:

Schaut nicht nach hinten!

Richtet euch in eurem neuen Leben ein!

 

Rebelliert nicht dagegen.

Macht das Beste daraus.

Gestaltet die Zeit!

 

Das Alte kommt nicht wieder.

Richtet euch im Neuen ein!

 

Noch mehr fordert Jeremia:

„Sucht der Stadt Bestes, … und betet für sie.“

 

Betet für Babel,

betet für die Stadt, in die ich euch habe wegführen lassen,

betet für eure Feinde.

 

Ähnliches hat später ein anderer gesagt:

„Liebt eure Feinde und bittet für die,

die euch verfolgen!“ – so sagt Jesus.

 

Und für die, die ihn ans Kreuz brachten, bat er:

„Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht,

was sie tun!“

 

Für die Täter beten.

Für Opfer beten – das ist leicht,

das geht jedem von uns schnell über die Lippen.

Aber wer bittet für die Täter?

 

In einem Bericht habe ich gelesen,

dass in den Kirchen von Norwegen

für den Attentäter von Oslo gebetet worden ist.

Es gibt also Christen, die der Spuren Jesu folgen.

 

Noch eins fordert Jeremia.

Er schreibt – wenn auch zwischen den Zeilen:

 

Für das Beten braucht ihr keinen Tempel.

Gott ist überall, auch im Exil.

Menschen können zu Gott beten überall auf der Welt.

Auch wenn wir uns von Gott entfernt haben,

Gott hört unser Gebet.

 

Das Gebet der Israeliten hat Gott gehört.

 

Jeremia schreibt:

Es wird eine Zeit geben, in der Gott euch zurückführt.

Aber zwischen jetzt und dieser Zeit liegen 70 Jahre, ein Menschenleben.

 

Die Weggeführten werden es nicht mehr erleben.

Sie werden nicht dabei sein, wenn Israel zurückkehrt.

Ihre Söhne und Töchter werden es.

 

Diese Worte müssen auf die Menschen im Exil

sehr ernüchternd gewirkt haben.

Sie haben sicher zu großer Enttäuschung

und zu Tränen geführt.

 

Aber doch kehrte auch Hoffnung wieder –

Hoffnung auf eine Zeit, in der das Leben besser wird.

 

Hoffnung kann es manchmal nicht für uns,

wohl aber für andere geben.

 

Die Israeliten haben diese Hoffnung gespürt.

 

Sie haben den Worten Jeremias geglaubt,

sie nahmen sie sich zu Herzen.

 

Sie bauten Häuser, pflanzten Gärten,

richteten sich in ihrem neuen Leben ein.

 

Männer nahmen Frauen, zeugten Kinder,

haben Töchter mit Männern ihres Volkes verheiratet,

ihre Söhne mit israelitischen Mädchen vermählt.

 

So ist Israel ein Volk geblieben, eine Einheit im Exil.

Seine Religion, Kultur, Identität blieben am Leben.

 

Im Jahr 538 v. Chr., also 56 Jahre später,

kam tatsächlich ein Perserkönig namens Kyros

und gab Israel die Freiheit wieder.

 

Die im Exil Lebenden durften nach Israel zurückkehren.

Doch davon gab es nicht mehr viele:

 

Die Älteren waren gestorben.

Die Überlebenden hatten sich in Babel eingewöhnt.

 

Kinder, die dort geboren worden waren,

sahen Babel als ihre Heimat an,

fühlten sich im Feindesland ihrer Eltern Zuhause.

 

Jetzt ergab sich genau die umgekehrte Situation:

Die im Exil Lebenden blieben.

Tatsächlich ist nur kleiner Teil nach Israel zurückgekehrt.

 

So sehr hatten sie sich an die neue Situation gewöhnt,

sich in ihrem Leben neu eingerichtet.

 

Und indem sie sich eingerichtet haben,

haben sie für sich Zeit gestaltet,

einen neuen Handlungsraum gewonnen,

neue Lebensqualität erreicht.

 

Gott hielt sein Versprechen.

Er hat Israel eine Zukunft gegeben.

 

Was können wir nun aus dieser Geschichte lernen?

Was wir lernen können, ist:

 

Niemand kann einen Weg sicher gehen,

wenn er nach hinten sieht.

 

Wer nach hinten sieht,

weiß nicht, was vor ihm liegt,

der wird keine Hindernisse wahrnehmen.

Er kann stolpern, anstoßen, hinfallen, sich wehtun.

 

Wer rückwärts orientiert lebt,

weiß nicht, wer vor ihm steht.

Möglicherweise kommt ihm jemand entgegen.

 

„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ –

sagt Jesus.

 

Und damit meint er:

Lebt vorwärts orientiert!

Schaut nicht auf das, was hinter euch liegt.

Gott kommt euch entgegen!

Darum seid mutig und getrost und lebt!

 

Auch uns hat Gott ein Leben verheißen.

Auch uns hat Gott Hoffnung geschenkt.

Mit Jesus Christus hat er uns eine Zukunft gegeben.

 

Leben wir auf diese Zukunft hin,

schauen wir nach vorne

mit dem Blick auf Jesus Christus,

im Vertrauen auf Gottes Beistand und Hilfe.

 

Gehen wir unseren Weg mit Gottvertrauen,

leben wir zukunftsorientiert.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.