Predigt zum Johannestag am 24.6.2012

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott,
unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gottesdienst-Gemeinde,das Jahr hat Halbzeit.

Die Natur grünt, blüht, setzt Frucht an. 

Das Ende des Schuljahres naht,
die Sommerferien fangen an. 

Das Jahr hat Halbzeit.

Und diese Halbzeit spiegelt etwas wider.
Sie zeigt, was jeder von uns erfährt:

Irgendwann haben wir den Höhepunkt erreicht,
den Zenit überschritten.

Dann werden Tage wieder kürzer,
Kräfte des Lebens lassen nach.
Jüngere kommen, überholen uns irgendwann.

Die Nächte werden länger,
auch die Nächte in unserem Lebenskreis.

Wenn wir zurückschauen auf unser Leben, merken wir:
Wir haben nicht alles erreicht.

Manches, das wir schaffen wollten, ist nicht gelungen.
Wir lassen es unvollendet zurück.
Manches in unserem Leben bleibt offen.
Wünsche, Träume, Sehnsüchte, Hoffnungen bleiben unerfüllt.

Das Jahr hat Halbzeit.

Auch das Kirchenjahr ist in seiner Hälfte angekommen.
Und es kennt sogar ein Fest für diese Zeit.

Am 24. Juni, dem Tag der Sommersonnenwende,
feiern die Christen das Johannisfest.
Damit erinnern wir uns an Johannes den Täufer.

Wer war dieser Johannes?

Johannes war ein Prediger in der Wüste,
er lebte in Israel, 2.000 Jahre vor uns.

Die Bibel berichtet von seiner wunderbaren Geburt. 

Seine Mutter Elisabeth war eigentlich schon zu alt,
um ein Kind zu gebären. 

Seinem Vater, einem jüdischen Priester namens Zacharias,
kündigte ein Engel die Geburt seines Sohnes an.
Diesen Sohn sollte er Johannes nennen. 

Weil Zacharias den Worten des göttlichen Boten nicht glauben konnte,
blieb er stumm – bis zur Geburt seines Sohnes.

Das erste, was er nach der Geburt sagen konnte,
soll der Name des Jungen gewesen sein: Johannes.

Geboren wurde Johannes im selben Jahr wie Jesus,
in einem Dorf nahe Jerusalem am Rand der Wüste. 

Zu wirken begann er im 15. Regierungsjahr des Kaisers Tiberius,
28 Jahre nach Christi Geburt.

Den Menschen predigte er die Taufe der Buße
zur Vergebung der Sünden
Dabei war er bekleidet mit einem Mantel aus Kamelhaaren,
ein einfaches Gewand. 

In der Wüste hat er sich vor allem von Heuschrecken
und wildem Honig ernährt. 

Johannes hat sich auf das Notwendigste im Leben beschränkt,
seine Bedürfnisse auf das Wesentliche konzentriert. 

Menschen, die ohne oder gegen Gott gelebt haben,
rief er zur Umkehr auf. 

Als Zeichen dafür, dass Menschen bußfertig sind,
taufte er sie im Jordan.
Deshalb hat man ihn „den Täufer“ genannt. 

Es waren wohl vor allem Erwachsene, die er getauft hat,
aber sicher kamen auch Kinder zu ihm.
Laut biblischer Überlieferung hat er Jesus getauft. 

Von Jesus wissen wir
– so erzählen es die Evangelien Matthäus, Markus und Lukas –
dass er ein Jünger des Johannes gewesen ist.

Eine Zeit lang lebte er bei ihm, hat von ihm gelernt.
Dann trennten sich ihre Wege.
Johannes ließ Jesus seinen eigenen Weg finden.

Vielleicht hat er schon Größeres in ihm erkannt.
Über Jesus soll er gesagt haben:

„Es kommt einer nach mir, der ist stärker als ich;
und ich bin nicht wert, dass ich mich vor ihm bücke
und die Riemen seiner Schuhe löse.
Ich taufe euch mit Wasser;
aber er wird euch mit dem heiligen Geist taufen.“ 

Auch Jesus sammelte Jüngerinnen und Jünger,
er begann öffentlich zu predigen.

Anders als Johannes aber drohte er nicht mit Gottes Gericht.
Jesus lehrte die Menschen, Gott zu lieben. 

Er sagte ihnen, dass Gott nahe ist.
Und jeden Tag, den Gott werden lässt, gibt er Zeit zur Umkehr.

Jesus feierte die Nähe Gottes,
saß mit Menschen beim Fest,
dort hat mit ihnen gegessen und getrunken. 

Jesus erkannte, dass Gottes Reich mitten unter uns ist,
dass es aufgeht wie Sauerteig,
wächst wie die Saat auf dem Feld.

Johannes hat wohl geahnt und gespürt,
dass sich mit Jesus große Macht verbindet,
dass sich mit ihm eine Hoffnung erfüllt. 

die Hoffnung des Volkes Israel,
die Hoffnung, dass er der Messias ist, 

der Retter Israels, Gottes Gesalbter,
der seinem Volk Recht und Gerechtigkeit bringt,
Gottes Reich, den Himmel auf die Erde.

Viele haben auf einen politischen Messias gehofft.
Gekommen ist ein anderer,
einer, der seine Feinde liebt,
der heilt, rettet und vergibt. 

Die Römer waren die Feinde Israels.
Sie hatten das Land erobert,
Menschen ihrer Freiheit beraubt.

Ausgerechnet dem Diener eines römischen Hauptmanns half er.
Denen, die ihn ans Kreuz brachten, hat er vergeben.
Für seine Häscher bat er:
„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Damit hat er gezeigt, dass Gott Liebe ist und Vergebung will.
Mit dieser Liebe ist Jesus so ganz anders gewesen,
als viele es von ihm erwarten.
Sie haben in ihm nicht den Messias erkannt. 

Johannes tat es.
Er soll von sich gesagt haben:

„Ich muss weniger werden,
ER aber muss wachsen und größer werden.“

Johannes hat erkannt,
dass er Jesus nicht das Wasser reichen kann,
dass Jesus stärker ist als er,
und er hat es zugegeben.

Damit hat er etwas Wichtiges gezeigt.
Johannes hat gesagt:

Wenn mein Zenit überschritten ist,
wenn Lebenskraft nachlässt,
dann darf und kann ich auch loslassen.

Ich kann loslassen, weil ich weiß:
Es kommt einer, der bringt zu Ende,
was mir nicht gelungen ist. 

Was in meinem Leben bruchstückhaft
und offen geblieben ist,
bringt er zum Ziel,
das macht er vollkommen. 

Etwas von dieser Weisheit und Gelassenheit des Johannes
kann jeder und jede von uns brauchen. 

Auch wenn Tage kürzer werden und Nächte länger:
Gott ist da – auch in finsterster Nacht.

Was in unserem Leben nicht gelungen ist,
was für uns unvollendet und offen geblieben ist,
das legen wir vertrauensvoll in Gottes Hand. 

Gott kann machen, dass auch aus dem Schlechtesten Gutes wird.

Gott vollendet, was in unserem Leben unvollkommen
und bruchstückhaft geblieben ist.

Johannes der Täufer kann uns mit seiner Selbstbescheidenheit,
seinem Gottvertrauen Vorbild sein. 

Mit Johannes dem Täufer fängt die zweite Hälfte des Jahres an.
Auch wenn es noch weit entfernt von uns ist: 

Mit der zweiten Hälfte des Jahres
gehen wir wieder auf Weihnachten zu,
feiern wir, dass Gott uns in Jesus Christus nahe ist.

Mit seinem Dasein fängt Gottes Reich bei uns an.
Bereiten wir uns auf diese Ankunft vor. 

Die Mitte der Nacht ist auch der Anfang eines neuen Tages.

Gehen wir in die zweite Halbzeit des Jahres,
gehen wir – wo Lebenskraft nachlässt –
voller Vertrauen auf Jesus zu. 

Mit seiner Liebe kommt er uns entgegen,
führt er uns der Güte und Vergebung Gottes zu,
ewigem Leben in Frieden und Heil.

Vertrauen wir diesem einen.
In ihm ist Gott da. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.