Predigt zum Reformationstag 2015

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, 
unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gottesdienst-Gemeinde,

der Text über den ich heutige predige, 
steht im Evangelium des Matthäus, Kap. 5. 
 

Ich lese die Verse 2 bis 10:

Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:
„Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen.
Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.“ – Herr, segne an uns dein Wort.

Liebe Gottesdienst-Gemeinde,

Sie haben die Worte sicher erkannt.


Es sind die so genannten Seligpreisungen,
eine der bekanntesten Reden Jesu.

So oder so ähnlich hat Jesus gepredigt: 
Evangelium pur,
wunderbare Bilder gelingenden Lebens.

So könnte es sein – das Leben.
So fühlt es sich an, wenn Gott herrscht. 

Manche sagen über diese Bilder:
Sie sind inszeniert. Jesus erfindet.
Was er schildert, sind Träume, Ideologie. 
Jesus sagt, wie das Leben sein könnte.
Erreichen werden wir es nie. 

Falsch, sage ich. Ich hab es nämlich gesehen.
Ich habe gesehen, wie das Leben sein wird, 
von dem Jesus spricht.

Gerade vor ein paar Tagen ist es passiert
hier im Kettenheimer Grund, fast vor Ihrer Tür:

Beim Ökumenischen Erntedankgottesdienst
hatte ich dazu aufgerufen, Menschen einzuladen,
in unsere Gemeinden zu kommen, 

Menschen, die im Industriegebiet in Alzey 
zurzeit in Zelten untergebracht sind, 

Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten
ihre Familien, ihre Freunde, ihren Beruf, 
Häuser und Besitz, um ihr Leben zu retten, 

Menschen, die geflohen sind vor Diktatur, Krieg, Terror.

Ich hatte beim Erntedankgottesdienst gesagt, 
dass wir diesen Menschen helfen können, 
indem wir sie herausholen aus ihrem Lager, wenigstens für ein paar Stunden,
indem wir sie einladen zu uns in unsere Gemeinden.

Das einzige, was wir brauchen, 
sind ein paar Menschen, die bereit dazu sind,
Kaffee zu kochen, Kuchen zu backen, Tische zu decken, 

oder die sich mit ihrem Auto zur Verfügung stellen, um nach Alzey zu fahren, 
Gäste aus dem Lager abzuholen und dorthin zurückzubringen.

Und tatsächlich: Gleich nach dem Gottesdienst 
haben sich Menschen gemeldet.
Der Frauenkreis Freimersheim hatte angeboten, 
Gäste zu bewirten.

Über das Ev. Dekanat 
hatte ich uns beim Roten Kreuz angemeldet.  

Und am vergangenen Mittwoch war es soweit:
Vier Pkw fuhren – vom Kettenheimer Grund aus – 
zum Lager. 

Was dann passierte, muss ich ausführlicher erzählen:
Am Eingang zum Lager haben wir uns angemeldet. 
Ein freundlicher Helfer führte uns zu den Zelten – 
Zelte, in denen bis zu 800 Menschen Platz finden, 
wenn man Bett an Bett zusammenstellt.

Am Tag, bevor wir kamen, waren 350 Betten belegt, so hat man uns erzählt.
Aber das wechselt jeden Tag.
Jeden Tag können Busse kommen 
und neue Flüchtlinge bringen. 

Oder es fahren Busse nach Ingelheim 
zur Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber,
wo Menschen aus dem Erstaufnahmelager registriert und weitervermittelt werden.

Manchmal kommt es vor, 
dass ein Bus aus Ingelheim leer zurückkommt,
wenn dort alle aufgenommen werden. 

Es kann aber auch sein, dass noch die Hälfte drin sitzt. 
Manchmal kommen nur fünf wieder – 
je nachdem, wie viele Plätze in Ingelheim frei sind.

Wie viele angenommen werden 
und wie viele wiederkommen, weiß man nicht.
Für die Flüchtlinge wie für die Helfer in Alzey
ist es jedes Mal ungewiss. 

In den Zelten sind Feldbetten der Bundeswehr aufgestellt,
immer paarweise zusammen,
mit Durchgängen rechts und links zu den nächsten Betten.

Im vorderen Teil des Zeltes schlafen die allein reisenden Männer,
hinten sind Familien untergebracht, 
vor allem junge Mütter mit kleinen Kindern, 
es sind nur wenig ältere Menschen. 

Der Helfer vom Roten Kreuz ermutigte uns, 
die Menschen selbst anzusprechen, 
sie einzuladen, mit uns zu kommen. 

Ich bezweifelte, dass auch nur einer mitkommen wird.
Sie kannten uns ja nicht.
Sie wussten nicht, wo wir sie genau hinbringen.
Aber wir haben es probiert.
Wir gingen auf eine Frau zu, sprachen sie an:

„Do You speak English?“
Und die Frau antwortete: „Yes. I do.“
Gott sei Dank, dachte ich, wir können uns verständigen.

Die Frau erzählte, 
dass sie mit ihrem Sohn aus Damaskus geflohen ist.
Zwei Monate waren sie unterwegs,
bis sie nach Alzey gekommen sind. 

Ihr Sohn kam zu uns, und er sprach Deutsch.
Er erklärte uns, 
dass er am Goethe-Institut in Damaskus Deutsch studiert habe, 
bis es geschlossen worden sei wegen des Bürgerkriegs.
 

Wir erzählten, dass wir von der Kirche sind,
dass wir ihn und seine Mutter einladen möchten,
zum Kaffee zu uns zu kommen
zusammen mit anderen Menschen des Lagers. 
Ob er uns dolmetschen würde.
 

Wir erklärten, dass wir sie fahren können, 
und dass wir sie zurückbringen,
damit sie wieder rechtzeitig im Lager sind.
12 könnten wir mitnehmen. 

Mutter und Sohn sprachen andere an. 
Und bald darauf stand eine kleine Gruppe um uns. 

 

Und dann passierte noch etwas:

Als wir mit unserer Gruppe zum Lagerausgang kamen, 
unsere Gäste wurden mit ihrer Nummer 
als abwesend registriert, 
trafen wir einen Mann: Monsignore Schrödel, 
ein katholischer Priester, der in Ägypten lebt,
wo er für die deutschen Katholiken Seelsorger ist.
 

Dieser Monsignore stammt aus Freimersheim.
Er war gerade auf Urlaub, und er kam zum Lager,
um zu sehen, ob Hilfe gebraucht wird. 
Und wie durch ein Wunder oder durch Fügung
trafen wir am Lagerausgang zusammen.

Wir begrüßten ihn, erzählten, was wir vorhatten.
Er erzählte, wieso er zum Lager gekommen sei.
Und wir haben ihn kurzerhand eingeladen, 
mit uns zu kommen,
Gast zu sein bei unserem Treffen
und natürlich zu übersetzen.
Denn der Monsignore spricht nach 20 Jahren in Ägypten astrein Arabisch.

Er willigte ein. 
Und so kam es, dass am Mittwoch vergangener Woche 
12 Menschen aus Syrien, acht Männer, vier Frauen,
sechs Damen des Frauenkreises, Monsignore Schrödel und ich
bei Kaffee und Kuchen zusammen saßen. 
Und es wurde erzählt: auf Englisch, Arabisch, Deutsch, mit Händen und Füßen. 

Die Flüchtlinge erfuhren, dass es Gastfreundschaft nicht nur im Orient gibt,
sie haben sie nun auch in Deutschland kennen gelernt,
und das ging ihnen zu Herzen. 

Und wir haben gelernt, wie europäisch, westlich modern Syrer sind.

Acht unserer Gäste waren übrigens Christen.
Diese Christen sind geflohen,
weil sie in ihrer Heimat ihres Glaubens wegen
verfolgt werden.
Unter Assad wurden Christen toleriert,
beim IS ist das anders.
 

Die Menschen flohen, weil Glaube und Freiheit ihnen wichtig sind.
Sie flohen um ihr Leben.
Eine junge Frau, die fließend Englisch spricht,
arbeitete in Damaskus bei der UN.
Sie war für die Flüchtlingshilfe ihres Landes zuständig. 
Jetzt ist sie ihres Glaubens wegen selbst zum Flüchtling geworden. 

Georg, ein junger Mann aus Aleppo, 
der mit seinem Bruder, seiner Mutter 
und einer Cousine im Lager ist,
wurde in Syrien zum Militärdienst gezwungen. 

Alle jungen Männer müssen in Syrien zum Militär.
Das wollten er und sein Bruder nicht.

Um nicht gezogen zu werden, mussten sie sich freikaufen.
Sie zahlten Geld, doch dann kam der IS. 
Der wollte sie zwingen, für ihn zu kämpfen.
So oder so – es gab keinen Ausweg: 
Sie hätten kämpfen müssen oder fliehen. 

Georg und sein Bruder, die beiden sind 19 und 20 Jahre alt,
entschieden sich für die Flucht.
Mutter und Cousine kamen mit. 

Was aus dem Rest der Familie wurde,
wie ihre Flucht gewesen ist, 
und was sie dabei erlebt haben, 
haben sie nicht erzählt.

Und wir haben nicht gefragt.

Denn es reichte, 
diesen Menschen in die Augen zu sehen, 
um zu erkennen, dass sie Schreckliches erlebt haben. 

„Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. … Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. …
Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen. 
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen 
um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen. Seid fröhlich und getrost; 
es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.“ 
 

Liebe Gottesdienst-Gemeinde,
diese Worte sind keine Illusion. 
Diese Worte sind wahr. 
Ich habe erlebt, wie das Leben sein kann, 
das Jesus schildert, wenn Gott regiert,
wenn Liebe und Menschenfreundlichkeit herrschen. 

Ich habe gesehen, wie Menschen unterschiedlichen Glaubens, 
unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft zusammen finden,
wie sie sich friedlich begegnen und verständigen können, 
und sogar wie sie miteinander singen. 
 

Unter unseren Gästen waren ja nicht nur Christen.
Es waren auch Moslems dabei.

Zum Abschied und als Dankeschön für die Gastfreundschaft, die sie erfahren durften, 
haben sie uns ein Lied vorgesungen,
Christen und Moslems zusammen,
ein Lied aus Syrien, mit Musik aus einem I-Phone unterlegt. 

Eine der Damen aus dem Frauenkreis hatte sich gewünscht, 
ein Lied aus Syrien zu hören.
Und ich hatte gedacht, dass diesen Menschen, 
nach allem, was sie erlebt haben, 
sicher nicht nach Singen zu Mute ist. 
Aber sie haben uns zuliebe gesungen. 
 

Diesen Gesang zu erleben, 
war noch mal was ganz Besonderes 
und es hat mich sehr bewegt. 
 

Liebe Christinnen, liebe Christen, 
Jesu Wort wirken. 
Sicher: Sie sind eine Inszenierung, eine Vision, 
ein Programm. Und sie sind wahr. 
Vor ein paar Tagen ist es passiert:
hier im Kettenheimer Grund, fast vor Ihrer Tür.
Und ich bin sicher, es wird noch mehr solche Erfahrungen geben.

Und der Friede Gottes, der höher ist 
als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne 
in Christus Jesus. Amen.